Stephan Klasmanns "querformat":
Die Zweisteins des Währungsfonds

"Mathematik zählt nicht nur in Österreich zu den Geheimwissenschaften."

Hand aufs Herz: Wollen wir es denn wirklich wissen? Was hat man die Schüler nicht gescholten, als sie ankündigten, den PISA-Test zu boykottieren. Unzulässige Drohgebärden hat man ihnen vorgeworfen. Dabei war es vielleicht bloß ein wohlgemeinter Vorschlag zur Abwendung erwartbarer nationaler Demütigung. Denn vor allem was Mathematik betrifft, bevölkert nur wenig Genieverdächtiges den östlichen Alpenraum.

Rechnen ist aber auch wirklich schwierig. Berühmte Persönlichkeiten wie der deutsche Fußballmeister und Torschützenkönig Fritz Walter junior haben die Relativierung des kleinen Einmaleins mit der legendären Addition „der Klinsmann und ich sind ein tolles Trio, äh, Quartett“ auf den Punkt gebracht. Österreich liegt nach dieser Rechnung quasi im Drei-Seen-Eck zwischen Boden- und Neusiedler See.

Doch zur Ehrenrettung der Fußballergilde darf ins Treffen geführt werden, dass Walter ebenso wie Klinsmann wirklich sehr gute Fußballer waren. Mit dieser Kunst des Ballesterns haben sie ihr ehrlich Brot verdient. Hauptsache, sie konnten kicken, alles andere ist ja bekanntlich primär. Dumm bloß, wenn man sich sein Geld mit Rechnen verdienen will, es aber nicht kann. Oder nicht will. Beispielsweise beim österreichischen Bundesbudget ist diese Unterscheidung nicht ganz so klar zu treffen. Hat jetzt der Pröll Seppi wirklich geglaubt, dass das Defizit 2009 nur 3,5 Prozent betragen wird? Oder hat er ohnehin schon bei der Budgetrede am 21. April gewusst, dass mit Glück ein Vierer, mit etwas weniger Glück aber ein Fünfer vor der Kommastelle stehen wird?

Als Optimist gehe ich davon aus, dass unser aller Säckelwart bewusst gelogen hat. Der feinsinnige Landwirt, dem die Gesundheit alles Lebenden – und somit auch unsere – am Herzen liegt, wollte wahrscheinlich bloß den Schock gering halten und uns nur langsam durch gemächliches Nachjustieren immer düstererer Prognosen an die traurige Wahrheit heranführen. Wäre ich Pessimist, müsste ich glatt annehmen, er hätte seinen Unsinn selbst geglaubt, was ihn für sein Amt gänzlich disqualifizierte. Die bewusste Notlüge ist in diesem Fall dem gutgläubigen Schwachsinn vorzuziehen. Aber nachdem Rechnen wie erwähnt schwierig ist, kann man leider nichts ausschließen.

Zum Troste mag uns allerdings gereichen, dass Mathematik
nicht nur in Österreich zu den Geheimwissenschaften zählt. Auch beim Internationalen Währungsfonds sind eher die Zweiund Dreisteins tätig als die Titanen der Zahlen. Da kann es schon einmal passieren, dass man die Verschuldung osteuropäischer Staaten falsch kalkuliert. Eh nur ein bisschen. Ob Tschechiens Überschuldungsindikator statt der errechneten 236 Prozent bloß 89 Prozent beträgt – wer wird da schon kleinlich sein. Bei Estland sind es statt 210 nur 136 Prozent. Na ja, wer weiß schon, wo Estland liegt. Hauptsache, man veröffentlicht die Ergebnisse möglichst rasch und ungeprüft. Alles andere ist bekanntlich primär.

Wahrscheinlich sind die IWF-Experten großartige Fußballer. Irgendwelche Begabungen hat ja jeder Mensch, und Rechnen zählt ganz offensichtlich nicht dazu. Von einem PISA-Test beim Währungsfonds ist wegen des hohen Demütigungspotenzials jedenfalls dringend abzuraten.

klasmann.stephan@format.at

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