Stephan Klasmanns "querformat":
Die Welt geht unter! Oder?

Die Lust des Menschen an der Übertreibung kennt keine Grenzen.

Es gibt eine ganze Menge Dinge, die wir Menschen vortrefflich können: etwa auf zwei Beinen gehen, sprechen, manchmal auch denken, jedenfalls aber übertreiben. Und man muss nicht erst mit einem Waidmann über die heroische Zurstreckebringung eines 41-Enders geplaudert haben, um das Ausmaß dieser unserer Fähigkeit in voller Tragweite zu erfassen. Es genügt ein Blick auf die Finanzmärkte.

In kaum einem Bereich kristallisiert sich die Begeisterung am Extrem so deutlich heraus wie an Börsen oder Immobilienmärkten. Ja sogar eine ganze Wissenschaft – im Fachjargon Behavioral Finance genannt – befasst sich mit den Gesetzmäßigkeiten irrationaler Entscheidungen in der Wirtschaft. Und echte Grenzen sind uns in unserer Übertreibung offensichtlich nicht gesetzt, auch wenn der Wahn – wie schon weit klügere Herren festgestellt haben – kurz, die Reu’ dagegen lang ist. Der Boom im Japan der späten 80er-Jahre ist ein hervorragendes Beispiel dafür: Der Nikkei-Index erreichte 39.700 Punkte, und die Immobilienpreise waren so astronomisch, dass das Areal des japanischen Kaiserpalastes in Tokio rechnerischteurer war als ganz Kalifornien. Das hat zahlreiche Experten freilich nicht daran gehindert, weitere Kursgewinne an der Börse und anhaltende Preissteigerungen bei Grund und Boden vorherzusagen. An irgendeinem Punkt freilich kippt das System. In Japan war das 1990 der Fall. Heute hält der Nikkei-Index bei 7.400 Punkten, und dem Kaiserpalast – wäre er verkäuflich – würden viele eine schicke Villa in Beverly Hills vorziehen.

Doch man kann nicht nur nach oben übertreiben, sondern auch nach unten. Und das stellen wir derzeit prächtig unter Beweis. Liest man Wirtschaftsberichte und Finanzanalysen, so könnte man meinen, eine breite Verelendung Europas und der USA stünde bevor. Die Vergleiche mit der großen Depression ab 1929 sind in aller Munde. Massenarbeitslosigkeit, soziale Unruhen, ja das Ende der zivilisierten Welt wird ausgerufen.

Aber das ist – es sei denn, der Komet kommt – absolut nicht absehbar. Seit dem Anschlag auf das World Trade Center, der ja immerhin auch eine schwere Belastung für die Ökonomie nach sich zog, ist die Weltwirtschaft um 32 Prozent gewachsen. Selbst wenn, wie in manchen Horrorszenarien beschrieben, die Ökonomien von EU und USA heuer um fünf Prozent schrumpfen sollten, wäre das BIP immer noch auf dem Niveau von 2006. Mir wäre nicht bekannt, dass sich damals die Obdachlosen unter der Reichsbrücke um die besten Schlafplätze geprügelt hätten. Wirtschaftsforscher rechnen derzeit in Österreich mit plus 50.000 Arbeitslosen, im wegen der Automobilindustrie stärker betroffenen Deutschland liegen die extremsten Prognosen für den Winter 2009 bei plus einer Million. Aber selbst dann gäbe es immer noch eine Million WENIGER Arbeitslose als während der Kanzlerschaft Gerhard Schröders. Haben Sie damals den Untergang des Abendlandes befürchtet? Ich auch nicht. Aber gut: Auch diese Übertreibung wird zu Ende gehen. Die Wirtschaftswissenschaftler haben wieder etwas zu erforschen, und die Börsen werden mit größter Euphorie in die nächste absurde Hausse taumeln. Sie glauben das nicht? Lesen Sie diese Seite in drei Jahren noch einmal.

klasmann.stefan@format.at

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