Stephan Klasmanns "querformat": Die Surfer auf der Fukushima-Welle

Zwentendorf als Beleg für die prophetische Weisheit der Österreicher ist glatter Selbstbetrug.

Vor einem Monat haben ein schweres Erdbeben und ein verheerender Tsunami den Nordosten Japans verwüstet. Es gibt eine halbe Million Obdachlose und 30.000 Tote. Und es gibt – als wäre das noch nicht schlimm genug – einen Super-GAU im AKW Fukushima, der bislang je nach Quelle null bis fünf Tote sowie 22 bis 114 verstrahlte Opfer gefordert hat.

Seitdem wittern Politiker aller Couleurs die Chance, mit den verständlichen Ängsten der Bevölkerung vor den Risiken der Kernenergie politisches Kleingeld zu verdienen. Allen voran sind es die Grünen, die die durch zigtausend Opfer erkaufte Gunst der Stunde zu nutzen trachten. War bis vor kurzem noch „Spekulant“ die Totschlagpunzierung für unliebsame Zeitgenossen, so ist es nun „Mitglied der Atomlobby“. Und wer ist da nicht aller Mitglied: Laut Grünen-Chefin ist beispielsweise Exbundeskanzler Wolfgang Schüssel „hoch bezahlter Atomlobbyist“, weil er im Aufsichtsrat des deutschen Energiekonzerns RWE (Glawischnig: „Atomkonzern“) sitzt. Laut Peter Pilz zählt auch Österreichs Paradeunternehmer Wolfgang Leitner dazu, Chef der Andritz AG, die rund ein Prozent (!) ihres Umsatzes mit AKW-Zulieferteilen erwirtschaftet. Na bumsti!

Diese arrogante Selbstgerechtigkeit, mit der heimische Politiker sich als die Propheten der nuklearen Abstinenz aufspielen, ist nachgerade unerträglich. Das selbstgefällig vorgetragene Beispiel Zwentendorf, das als Beleg für die visionäre Weisheit der zukunftsskeptischen Alpenrepublikaner herangezogen wird, ist glatter Selbstbetrug. Nicht darum ging die AKW-Abstimmung hauchdünn gegen Atomstrom aus, weil eine Mehrheit der Österreicher Tschernobyl oder Fukushima vorhergesehen hätten, sondern weil der damalige Kanzler Bruno Kreisky für den Fall eines Neins seinen Rücktritt angekündigt hatte, schließlich aber wortbrüchig wurde.

Viele konservative und wirtschaftsnahe Wähler, die sehr wohl das AKW befürwortet hatten, stimmten deshalb gegen Zwentendorf. Es darf auch daran erinnert werden, dass es gerade die SPÖ war, die sich damals besonders für den Atomstrom eingesetzt hat. Umso lächerlicher ist der theatralisch-heuchlerische Auftritt des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl, der bei der SP-Klubtagung erklärte, bei Atomstrom zeige der Weltkapitalismus seine hässliche Fratze und gehe buchstäblich über Leichen. Es darf daran erinnert werden, dass sich die erste große Nuklearkatastrophe in Tschernobyl und also in der damals tief kommunistischen Sowjetunion ereignet hat. Also nix da Weltkapitalismus.

Ähnlich peinlich schwimmt VP-Minister Niki Berlakovich mit seiner Initiative für einen europaweiten Atomausstieg auf der Fukushima-Welle. In Wahrheit ist das nichts als mediale Schaumschlägerei, weil unmöglich: Frankreich erzeugt 77 Prozent seines Stroms aus Kernenergie, die Slowakei und Belgien knapp über 50 Prozent. Die können und werden nicht aussteigen (was Berlakovich auch ganz genau weiß).

Das Fazit ist simpel: Ja, Stromerzeugung aus Kernenergie ist eine Technologie, die wir in ihrem Betrieb nicht restlos beherrschen, geschweige denn, dass es auch nur irgendwie überzeugende Ideen für die Endlagerung des nuklearen Restmülls gäbe. Es ist daher gut und sinnvoll, sich aus diesem Bereich geordnet und rasch zurückzuziehen. Dafür braucht es in erster Linie kluge Köpfe und sachliche Diskussionen. Was wir haben, sind jedoch ideologische Marktschreier sowie politische Kriegsgewinnler. Und 500.000 Obdachlose. Und 30.000 Tote.

- Stephan Klasmann

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