Stephan Klasmanns "querformat":
Die wahren Sorgen des Kardinals

Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen zeigt die FPÖ, welch Geistes Kind sie ist beziehungsweise welch Geistes Kindern sie Heimstatt bietet. Etwa dem Abgeordneten Werner Königshofer, der Kardinal Schönborn ermahnt, sich um seine „warmen Brüder, Klosterschwuchteln und Kinderschänder“ zu kümmern. Schönborn, so rechtfertigte sich der Mandatar, habe die FP-Kandidatin Rosenkranz nicht zu kritisieren, schließlich gebe es eine Trennung zwischen Kirche und Staat.

Letzteres ist zwar richtig, aber das war nicht immer so. In der NS-Zeit wurden – von wegen Trennung von Kirche und Staat – Menschen wegen ihres Glaubens und wegen ihrer Rasse verfolgt und umgebracht. Unter anderen auch Katholiken wie etwa Franz Jägerstätter. Damit diese Zeiten nicht wiederauferstehen, gibt es das Verbotsgesetz. Und wenn sich eine Präsidentschaftskandidatin dazu so vieldeutig äußert wie Frau Rosenkranz, dann hat ein Kardinal angesichts seiner damals verfolgten Glaubensgenossen nicht nur das moralische Recht, sondern sogar die Pflicht, sich dazu zu Wort zu melden.

Doch Schönborn plagen derzeit andere Sorgen als die Ausfälle eines geifernden blauen Mandatars. Fast täglich tauchen neue Missbrauchsfälle in katholischen Organisationen auf. Die Sünden einer unaufgearbeiteten Vergangenheit gehen wie eine Woge von Unrat über den Klerus hinweg. Und hier irrt der Kirchenfürst in seiner Diagnose. Nicht die Sexualisierung der Gesellschaft hat – wie von ihm postuliert – Schuld an der Häufung von krassen Fehltritten im kirchlichen Umfeld, sondern die Entsexualisierung der Kirche selbst.

Es entspricht einfach nicht dem Naturell der Menschen, zölibatär zu leben. Das ist das Problem. Ganz wenige mögen sich zu dieser Enthaltsamkeit berufen fühlen, eine Voraussetzung für eine religiöse Berufung ist sie nicht. Selbst für eine priesterliche Tätigkeit ist sie weder im Buddhismus noch bei den Muslimen, noch im Judentum gefordert. Im Gegenteil: „Jetzt“, sprach der berühmte chassidische Rabbi Israel ben Elieser beim Tode seiner Frau, „bin ich nur noch die Halbscheid einer Seele.“ Was für eine Liebeserklärung!

Die römisch-katholische Nomenklatura mit einem erzkonservativen Papst an der Spitze verweigert sich hartnäckig gesellschaftlichen Realitäten. Ein befriedigendes Sexualleben gilt heutzutage – der sexuellen Revolution der 60er- und 70er- Jahre sei Dank – als das, was es ist: gesund für Körper und Immunsystem, ausgleichend für Psyche und Stress. Es mag Menschen geben, die diesen Urtrieb anders sublimieren können und wollen. Im Neuen Testament steht davon jedenfalls nichts. Keine Zeile. Auch nicht davon, dass Frauen kein Priesteramt innehaben können. All das sind katholische Konventionen, die in der Bibel keine Deckung finden.

Die Kirche steht in Europa, ihrem Kernland, vor dem endgültigen Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Priestermangel, verwaiste Pfarren, Messen in leeren Kathedralen, Zehntausende Austritte pro Jahr legen dafür beredtes Zeugnis ab. Das Einzige, was diese älteste Organisation der Welt langfristig retten kann, ist die Aufgabe des Zwangszölibats und die Gleichstellung der Frau in allen Ämtern. Gemessen an diesen Herausforderungen, sind die Wortspenden von Königshofer, ja sogar die aktuellen Missbrauchsfälle nur ein paar unbedeutende Tintenkleckse in einer 2.000 Jahre umfassenden Chronik.

klasmann.stephan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten