Stephan Klasmanns "querformat":
Die neue Rekordjagd des Bernard M.

Von der Papierform her sieht es schlecht aus für Bernard Madoff. Nur wenn der 71-Jährige das Rekordalter der Französin Jeanne Luise Calment, die mit 122 Jahren starb, um fast hundert Jahre überlebt, wird er seine Zelle je wieder verlassen können. Zwar sind die Voraussetzungen für einen neuen Langlebigkeitsrekord des zu 150 Jahren Haft verurteilten Betrügers grundsätzlich günstig – regelmäßiger Lebenswandel und karges Essen sollen ja gesund sein –, doch die Statistik spricht gegen eine neue Bestmarke.

Aber auch wenn Madoff hinter Gittern stirbt, ist ihm ein Platz im Buch der Rekorde sicher. Sein kriminelles System mit mehr als 50 Milliarden Dollar Schaden hat dem Genre Wirtschaftsverbrechen eine völlig neue Dimension eröffnet. Madoff kann wahrlich als Visionär des Großbetrugs gelten.

Doch der Skandal wirft nicht nur ein schiefes Licht auf den Charakter des Täters, sondern auch auf Kontrollbehörden wie die US-Börsenaufsicht SEC, die – ehemals als schärfste Finanzpolizei der Welt gefürchtet – heute nur noch als Lachnummer für US-Kabarettisten taugt. Selten hat eine Behörde so spektakulär versagt.

Frage der Kontrolle offen
Und gerade das ist beängstigend. In der Bewältigung der aktuellen Wirtschaftskrise sind sich die betroffenen Regierungen nämlich nur in einem Punkt wirklich einig: Die Bank- und Investmentbranche muss strenger reguliert werden. Anlageprodukte müssen transparenter werden, hochriskante Spekulationen gehören eingedämmt.

Das mag ja an sich eine gute Idee sein, doch die Frage ist: vom wem? Wer soll kontrollieren? Denn was nützen all diese neuen Bestimmungen, über deren Details ohnehin noch einige Jahre gestritten werden wird, wenn einer Börsenaufsicht trotz mehrerer Kontrollen und Hinweisen aus der Branche nicht auffällt, dass das angebliche Milliardenimperium des Herrn Madoff gar nicht existiert, ja, dass er nach eigenen Angaben seit fast 20 Jahren keine einzige Transaktion mehr durchgeführt hat?

Was nutzen uns Anlegerschutzregeln, wenn Papiere wie Meinl European Land oder Immofinanz jahrelang als mündelsicher angeboten werden können und nicht einmal ein Beamter der Finanzmarktaufsicht zum Hörer greift und die Rechtmäßigkeit der entsprechenden Werbespots prüft? Wofür gibt es hochbezahlte Wirtschaftsprüfer und Ratingagenturen, wenn sie nicht einmal die aberwitzigsten Schieflagen in Bankbilanzen erkennen? Was bringen strengere Bestimmungen für Banken und Versicherungen, wenn nicht einmal die heute geltenden Regeln eingehalten werden?

Neue Gesetze reichen nicht
Mit neuen Gesetzen allein wird man weder die Wiederholung einer Finanzkrise noch jene eines Falles Madoff verhindern können. Nicht neue Vorschriften braucht es, sondern eine effizientere Art, sie zu exekutieren. Doch dazu wird es vermutlich nicht kommen. Sobald sich die Wirtschaft wieder etwas erholt und der Schock des drohenden Finanzkollapses nicht mehr ganz so tief in den Knochen steckt, wird der Eifer, eine Neuordnung des globalen Finanzsystems zustande zu bringen, erlahmen. Partikularinteressen werden einen großen Wurf verhindern, Budgetnöte eine Aufstockung des Fachpersonals in den Aufsichtsbehörden.

Sollte Madoff schließlich im Jahr 2159 das Gefängnis als rüstiger Rentner verlassen, so könnte er sich vermutlich gleich wieder an die Arbeit machen.

klasmann.stephan@format.at

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