Stephan Klasmanns "querformat":
Die Rechnung, bitte!

Wir bekämpfen die Krise mit dem, was sie erst ausgelöst hat.

Der evolutionäre Vorsprung des Menschen beruht ganz wesentlich auf seiner Fähigkeit, aus Beobachtung zu lernen. Man muss sich nicht erst selbst mit Knollenblätterpilzen entleiben, um festzustellen, dass sie giftig sind – der Lerneffekt wäre zudem von kurzer Dauer –, sondern es genügt, anderen dabei zuzusehen und die gewonnene Erkenntnis an Freunde und Bekannte weiterzugeben. Aus Schaden wird man klug – das schaffte schon der Pavlov’sche Hund. Aus dem Schaden anderer klug zu werden, das ist der Vorzug des Menschen.

Nun mag man meinen, je größer der Schaden, desto tiefer die daraus zu gewinnende Erkenntnis. Allein, dem ist nicht so. Nehmen wir beispielsweise die aktuelle Finanzkrise. An Schaden mangelt es nun wirklich nicht. Ein paar Billionen Dollar und der Verlust von weltweit zig Millionen Arbeitsplätzen sind immerhin keine Lappalie. Doch die daraus zu gewinnende Erkenntnis ist eher dürftig. Natürlich könnte man die Sache verkomplizieren und über Bankenregulierung, Managergier oder Kapitalismus philosophieren, aber in Wahrheit hätte gesunder Hausverstand genügt, um sie zu vermeiden. Die zwei banalen, quasi zur Binse geronnenen Weisheiten lauten zum einen: Du sollst nicht mehr Geld ausgeben, als du verdienst. Und zum zweiten: Bedenke, dass du Schulden eines Tages inklusive Zinsen zurückzahlen musst. Hätten mehr US-Bürger diese simplen Grundsätze eingehalten, gäbe es keine Immobilienkrise, keinen Bankencrash, keine um ihre Existenz fürchtenden Kreditkartenunternehmen.

Zu Recht werden Sie, verehrte Leserin, bewunderungswürdiger Leser, monieren, das sei nicht ganz neu. Ich gebe Ihnen Recht, verweise aber darauf, dass ein bisschen Wiederholung offenbar nicht schaden kann. Denn zumindest die zweite Erkenntnis, dass man Schulden zurückzahlen muss, scheint im Bewusstsein zahlreicher Spitzenpolitiker noch nicht so ganz verankert zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich Regierungen rund um den Globus selbst auf die Schulter klopfen und gegenseitig zu ihrem „entschlossenen Handeln“ gratulieren, bloß weil sie Hunderte Milliarden Dollar in Konjunkturprogramme und Bankensanierungen pumpen. 100 Milliarden Euro in Deutschland, 700 Milliarden Dollar in den USA, ja sogar in Österreich stehen Faymann und Pröll nicht an, die „größte steuerliche Entlastung“ aller Zeiten zu proklamieren. Wo das viele Geld plötzlich herkommt, nachdem jahrelang Sparsamkeit und Nulldefizit als höchste Ziele fiskaler Politik gepredigt wurden? Durch höhere Schulden. Wir bekämpfen die Krise ironischerweise mit dem, was sie unter anderem ausgelöst hat. Die viel gepriesene „Belebung des Konsums“, die „Entlastung der Bürger“ ist – zumindest langfristig betrachtet – eine Mogelpackung.

Zugegeben: Es ist richtig, jetzt für mehr Kaufkraft zu sorgen und durch geringere Steuern die Wirtschaft anzukurbeln. Aber der Selbstgefälligkeit der neuen Regierung, die nun als hehrer Retter unserer Portemonnaies auftritt, darf der Ordnung halber entgegengehalten werden, dass wir es sind, die für die Großherzigkeit der Koalition zur Kasse gebeten werden. Und zwar in Form von höheren Staatsschulden, die wiederum mit zukünftig höheren Steuern zurückgezahlt werden müssen. Es ist wie eine Einladung ins Restaurant, bei der der großzügige Gönner diskret den Tisch verlässt, ehe die Rechnung kommt. Denn nicht die tapferen Politiker bezahlen die Zeche für unsere Entlastung, wir bezahlen sie selbst. Aber immerhin: Wieder etwas gelernt.

klasmann.stephan@format.at

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