Stephan Klasmanns "querformat": Die gemeingefährliche Ortstafel

Die Beschränkung auf 164 Orte mit zweisprachigen Tafeln dient bloß dem Jugendschutz.

164 zweisprachige Ortstafeln! Wie wird das die um ihre Identität ringende österreichische Nation (Missgeburt der Geschichte; Copyright: Jörg Haider) wohl verkraften? Und dann wollen die Slowenen auch noch zehn, wenn nicht gar 25 Tafeln mehr! Ja haben die denn den Verstand verloren! Erkennen die denn nicht, dass solche Forderungen geradezu staatsgefährdend sind? Gut dass da die Koalition der Unnachgiebigen in so einer existenzbedrohenden Frage zusammenhält. Bildungsreform, Verwaltungsreform, Heeresreform – egal, dass da nichts weitergeht. Hauptsache, es sind 25 Orte weniger in Slowenisch beschildert, als es sich die Volksgruppe wünscht. Das Wichtige zuerst! Das Staatstragende hat Vorrang.

Denn tatsächlich ist die österreichisch/deutsche Leitkultur zunehmend gefährdet: Ich zum Beispiel habe einen mehrsprachig beschilderten Pass! Aber jetzt halten Sie sich einmal fest: Der ist nicht etwa nur zweisprachig oder meinetwegen dreisprachig ausgeführt. Nein, der ist tatsächlich zwölfsprachig!!! Da stehen so Dinge drinnen wie „an tAontas Eorpach“! Mein österreichischer Pass, durch hässlich-hieroglyphische Schriftzeichen kyrillischer und griechischer Provenienz verschandelt!

Oder unlängst in einem AUA-Flieger: Nicht nur, dass diese Zierde der Lüfte nun den deutschen Nachbarn gehört, selbst dort habe ich zweisprachige Tafeln gefunden. Etwa auf der Toilette: Nicht rauchen / no smoking. Als ob meine Bekleidung jemanden etwas anginge! Gibt es denn dafür im Luftverkehrsgesetz eine Verfassungsbestimmung, die es den Engländern erlaubt, zweisprachige Stilles-Örtchen-Tafeln aufzustellen?!

Nun ja. Vielleicht ist der Streit um die slowenische Beschilderung ja auch gänzlich anders motiviert. Vielleicht wollen die politisch Verantwortlichen die Jugend nicht mit intellektuellen Höchstleistungen überfordern, zu denen sie nicht einmal mehr ansatzweise fähig sind. Immerhin hat eine eben veröffentlichte Zusatzstudie zu PISA ans Licht gebracht, dass Österreichs 15- bis 16-Jährige größte Schwierigkeiten beim Lesen haben. Sie landeten gerade noch auf dem vorletzten Platz – nur Chile war noch inferiorer. Und wenn man sich das nun vorstellt: Ein junger Mann nähert sich mit seiner aufgebohrten Vespa mit 80 Sachen dem Ortsgebiet. Der Bursche beschäftigt sich gerade mit tief philosophischen Fragen: Woher komme ich, wo bin ich, wohin fahre ich? Da sieht er eine Ortstafel, von der er sich zu Recht Orientierung in seinem ansonsten chaotischen Leben verspricht. Doch allein um die obere Zeile zu buchstabieren, muss er eine Vollbremsung hinlegen. Und dann kommt noch die untere Zeile, die fremdartige Wörter mit komischen Strichen über den S und Cs enthält. Um die entziffern zu können, muss er nun ganz stehen bleiben und riskiert einen Auffahrunfall.

Das kann man nicht gutheißen. Die bösen Slowenen mit ihren zweisprachigen Tafeln gefährden unsere Jugendlichen, von denen es wegen der geringen Geburtenrate ohnehin nur noch wenige gibt. Die Beschränkung derartig beschilderter Orte auf 164 sollte also als eine Maßnahme zum Jugendschutz gesehen werden, die nicht unnötig politisiert werden darf. Erst wenn die schulischen Leistungen wieder besser werden – also frühestens im Jahr 2063 –, ist an eine Ausweitung zweisprachiger Tafeln zu denken.

- Stephan Klasmann

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