Stephan Klasmanns "querformat":
Die Leiden des jungen Schrankenwärters

Darf ich mich zu Ihnen dazusetzen? Danke, sehr lieb. Ist ja selten, dass man heute noch freundliche Leute trifft. Ich muss Ihnen sagen, es geht mir wirklich schlecht. Das zehrt schon an den Nerven, wenn das eigene Unternehmen so durch den Dreck gezogen wird. Immerhin hab ich der Bahn die besten Jahre meines Lebens geschenkt.

Ich war immer fleißig. Bis in den späten Nachmittag hinein habe ich gerackert. So wie heute auch. Zwei Uhr ist es schon! Wenn man so spät rauskommt, dann hat man manchmal Pech, und im Beisl ist das Mittagsmenü schon aus. Muss ich dann ein Schnitzel nehmen. Kostet natürlich mehr als das Menü. Aber das ersetzt einem natürlich niemand. Ich sag das ja nur, weil es immer heißt, die Eisenbahner haben nur Privilegien.

Und dann dieser psychische Druck. Letzten November habe ich mir ganz normal meinen Krankenstand genommen, Sie wissen schon, diese 26 Tage, die wo wir unpässlich sind. War eigentlich nie ein Problem, außer dass meinen Bürokollegen der Vierte zum Tarockieren gefehlt hat. Aber wir sind ja total flexibel, entgegen von dem, was alle sagen. Da spielen wir dann Dreierschnapsen. Halma hat uns auch gefallen. Da kann man so Wege bauen und die Steine verschieben – fast so wie in einem echten Eisenbahnbetrieb. Ja wirklich, das hat uns immer so ein bisschen an die Arbeit bei der Eisenbahn erinnert. Na ja, wahrscheinlich hat sich deswegen dann auch das Dreierschnapsen durchgesetzt. Also als Notprogramm.
Aber das wollte ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Was wollte ich …? Ah ja! Der psychische Druck. Na, das müssen Sie sich vorstellen. Komm ich nach fünf Wochen aus dem Krankenstand zurück, fragt mich mein Chef doch glatt, was ich denn g’habt hab! Da hab ich mich so unter Druck gesetzt gefühlt! Was soll ich schon g’habt haben? Den Krankenstand hab ich mir halt genommen! Fragt der auch noch blöd … Voll gegen die Menschenrechte! Sagt auch die Ministerin.

So ein Leben bei der ÖBB ist ja auch echt hart. Was man da für Gefahren ausgesetzt ist! Letztes Jahr haben s’ den Poldi pensioniert. Der hat so schlecht gesehen. Müssen Sie sich vorstellen – mit 47 Jahren praktisch schon blind. Fast halt. Gott sei Dank nur. Was mich das gekostet hat! Weil der Poldi war nämlich mein Tarockpartner. Der hat jedes Zwinkern von mir richtig gedeutet. Und mit dem Neuen … Keine Ahnung vom Spiel. Am Anfang haben wir nur eingezahlt, aber jetzt hab ich ihn mir hergerichtet. Aus- und Weiterbildung wird ja großgeschrieben bei der ÖBB. Jetzt ist der schon fast so gut wie der Poldi.
Der Poldi. Den seh ich ja jetzt leider viel seltener. Einmal in der Woche im Tischtennisverein. Da spielen wir Doppel. Ja, so werden Menschen oft durch den Beruf auseinandergerissen. Das nächste halbe Jahr wird überhaupt hart. Weil der Amtsarzt hat g’sagt, wenn ich mich mit 48 wegen Bandscheibenvorfall pensionieren lassen will, dann schaut das irgendwie blöd aus, wenn ich Tischtennis spiele. Ich soll doch ein halbes Jahr aussetzen, dann kann er was machen. Na ja, ich muss ihm das wohl glauben. Als Patient ist man den Ärzten ja ausgeliefert. Man kennt sich ja nicht aus. Was weiß ich, wo die Bandscheiben sind. Ich bin ja kein Mediziner.
Was? Sie müssen gehen? Bleiben S’ doch noch auf ein Glaserl. Ach so, Ihre Mittagspause ist zu Ende. Na ja, dann halt auf Wiedersehen. Passen S’ auf auf sich, sonst geht’s Ihnen am Ende noch so wie mir.

klasmann.stephan@format.at

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