Stephan Klasmanns "querformat":
Die Krise der Experten

Nicht wer irrt, sondern wer aus Irrtum nichts lernt, ist verloren.

Irren ist menschlich. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieser Spruch ausgerechnet von jemandem geprägt wurde, der der einzigen Institution angehörte, deren Vorsitzender Unfehlbarkeit für sich in Anspruch nimmt: der katholischen Kirche. Unfehlbarkeit des Papstes? Der Kirchenvater Hieronymus, in dessen Briefen sich das „errare humanum est“ findet, hätte ein solches Dogma anno 390 wohl für unvorstellbar gehalten.

Aber generell gilt: Wo Unvorstellbares geschieht, ist der Irrtum meist nicht weit. Beispiel: die aktuelle Finanzkrise. Deren Ausbreitung war weder in Ausmaß noch Hartnäckigkeit vorhergesehen worden. Selbst US-Notenbankchef Ben Bernanke musste kürzlich eingestehen, die Dimension des Desasters unterschätzt zu haben. Aber nicht nur er: In unglaublicher Einhelligkeit haben Manager, Experten und Politiker aller möglichen Ressorts danebengelegen. Etwa als der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück noch im August erklärte, in Deutschland drohe „ganz sicher“ keine Rezession. Auch die heuer am 26. Juli getroffene Prognose des OPEC-Präsidenten Chakib Khelil, der Ölpreis werde in den kommenden Wochen auf 170 Dollar steigen, war völlig daneben: Momentan kostet ein Barrel nur etwas über 40 Euro. Die Manager der deutschen IKB-Bank haben die wirtschaftliche Fehlprognose überhaupt in ganz neue Dimensionen gehoben. Im Juli 2007 erklärten sie, man sei „im Zuge von Abwertungen von Wertpapieren mit einem einstelligen Millionenbetrag betroffen“. Nur eine Woche später war von einer Milliarde die Rede, und nach einer weiteren Woche konnte der Bankrott der Bank nur durch eine Finanzspritze von 8,1 Milliarden Euro verhindert werden. Einfach irre, dieser Irrtum.

Aber warum ist das so?
Wieso haben Zigtausende Analysten, Volkswirte, Manager und
Wirtschaftsforscher diese Krise nicht kommen sehen und vor allem ihr Ausmaß derart unterschätzt? Die Antwort könnte relativ einfach sein: weil ihre Prognosen stets unter der Prämisse eines weitgehend gleichen
Umfeldes gemacht werden. Clausula rebus sic stantibus heißt das im Fachjargon. Prognostiker folgen stets dem augenblicklichen Trend. Aktienanalysten erhöhen in der Hausse im Gleichschritt der Kurssteigerungen ihre Kursziele und liegen damit meist richtig. In der Baisse geht es dann eben genau in die andere Richtung, und die Kursziele werden immer weiter zurückgenommen. Doch beim Trendwechsel – insbesondere wenn er durch ein bis dahin unbekanntes Phänomen wie die Subprime-Krise ausgelöst wird – liegen die Experten praktisch immer daneben und korrigieren bloß im Nachhinein peinlich berührt ihre Vorhersagen.

Aber sich zu irren ist ja keineswegs nur negativ
Schließlich lernen wir durch Versuch und Irrtum. Und – wie eine alte Unternehmerweisheit lautet – nur wer nichts tut, macht auch keine Fehler. Die Kunst ist es, aus Versuch und Irrtum neue Erkenntnisse zu ziehen und so im Laufe der Zeit von größeren zu kleineren Fehlern fortzuschreiten. Nicht wer irrt, sondern wer aus den Irrtümern nichts lernt, ist verloren. Auch das hat der alte Hieronymharalus übrigens schon gewusst. Sein meist verkürztes Zitat lautet nämlich in voller Länge: Irren ist menschlich, aber im Irrtum zu verharren ist teuflisch.* Wollen wir daher annehmen, dass Manager, Banker und Politiker die entsprechenden Lehren aus dieser Krise ziehen. Aber wahrscheinlich ist auch das eine Fehlprognose.

klasmann.stephan@format.at

*Errare humanum est, sed in errore perseverare diabolicum.

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