Stephan Klasmanns "querformat".
Die Hüter der wahren Tradition

Wladimir Putin will den Russen das Wodkatrinken verleiden, die Regierung in Peking möchte den Chinesen den Genuss von Hunde- und Katzenfleisch verbieten, und in den USA sollen die Jugendlichen in Hinkunft in der Schule statt mit deftigen Hamburgern mit ekelig gesundem Zeug wie Obst und Gemüse abgefüttert werden. Wir sehen also: Allerorten gehen große Traditionen verloren.

Bang fragen wir uns daher, ob solche neumodischen Sitten auch in unser geschichtsbewusstes Land einziehen könnten. Schließlich sind gerade wir, die Erben von Sissy, Fiaker und Mozartkugel, aufgerufen, Althergebrachtes zu bewahren. Könnte es also hiezulande passieren, dass plötzlich auf ein ausgeglichenes Budget hingearbeitet und der Parteienproporz abgeschafft wird? Sollte ein Opernball wirklich ohne Richard Lugners Szene-Sternchen über die Bühne gehen? Könnte der ORF aus Einsparungsgründen tatsächlich ein paar Landesstudios schließen?

Die beruhigende Antwort ist: nein. Schon die Besetzung des neuen Hypo-Alpe-Adria-Aufsichtsrats lässt den politischen Willen zur Tradition klar erkennen. Johannes Ditz (ExÖVP- Minister) und Rudolf Scholten (Ex-SPÖ-Minister) sorgen für großkoalitionäre Eintracht. Wo käme man denn da hin, wenn man farbneutrale Experten ans Ruder ließe!

Wir müssen uns also nicht umgewöhnen. Auch nicht beim ORF. Die anstehende Wahl der Publikumsräte wartet mit Kandidaten auf, die das in medienpolitischen Fragen gewohnte – und gewünschte – fachliche Niveau haben. Also etwa Ivica Vastic, Kathrin Zettel, Peter Pacult oder Marika Lichter – wer könnte besser über den Bildungsauftrag des staatlichen Rundfunks wachen!

Die Budgetsanierung wird ebenfalls in der kulturtypischen Weise erfolgen. Unerhörte Neuerungen wie etwa Einsparungen werden zwar rituellerweise angekündigt, doch der Hinweis darauf, dass Steuererhöhungen durch Kanzler und Vizekanzler ausdrücklich nicht ausgeschlossen werden, lässt gelernte Österreicher bereits erahnen, dass die Vorbereitungen zur üblichen Volksschröpfung längst in vollem Gange sind.

Abschließend darf ich noch mit Tröstlichem aus der Provinz aufwarten: Eine treulose Abkehr von der traditionellen Misswirtschaft wird auch auf Landesebene kompromisslos abgelehnt. Beispielsweise bildet das tapfere Kärnten auch weiterhin ein Bollwerk gegen jeden Versuch, unnatürliche ökonomische Vernunft in wirtschaftliche Entscheidungen einfließen zu lassen. So wird die Haider-Ausstellung im Klagenfurter Bergbau-Museum bis in den Herbst verlängert. Und zwar wegen des besonderen Misserfolgs. Weil bisher so wenige Bürger das Bedürfnis verspürt haben, das Schaukelpferd eines posthum gescheiterten Provinzpolitikers zu bestaunen, sollen nun mit Inseraten ausländische Gäste für die Devotionalien der vom Himmel gefallenen „Kärntner Sonne“ begeistert werden. Der Vizebürgermeister ortet gar „großes internationales Interesse“ und setzt auf die Teilnehmer des Harley-Davidson- Treffens im Herbst.

Fraglich ist bloß, ob ein tödlich verunglückter Alkolenker für die meist äußerst disziplinierten Edelrocker das richtige Vorbild ist. Aber wer stellt sich in der Kärntner Politik schon Fragen! Das wäre ja wieder ein Bruch mit der Tradition.

klasmann.stephan@format.at

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