Stephan Klasmanns "querformat":
Die wahren Feinde der Fairness

Möge der Bessere gewinnen!“ Das ist der Anspruch, den wir aus ethischer Sicht an jede Form von Wettkampf stellen. Sei es bei einer Segelregatta, einem Radrennen oder auch in so prosaisch-ökonomischen Materien wie einer öffentlichen Ausschreibung oder ganz allgemein der freien Marktwirtschaft. Doch den in den Konkurrenzkampf involvierten Teilnehmern ist der Mammon manchmal näher als die Moral. Und so wird eben versucht, anstatt das freie Spiel der Kräfte zu akzeptieren, dem gewünschten Ergebnis ein wenig nachzuhelfen. Und dies umso eher, je höher die Beträge sind, um die es geht. In der Wirtschaft geschieht das vermittels Bestechung, Preisabsprachen und Kartellen, im Sport mit Doping, Wettbetrug und faulem Spiel.

So weit, so schlecht. Eben weil wir Menschen so geartet sind, ist es Aufgabe von Behörden und Verbänden, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Manipulationen aufzudecken oder von vornherein zu verhindern. Doch ausgerechnet bei jener Sportart, die am meisten Geld bewegt, dem Fußball, scheint die Zeit stillzustehen. Obwohl es weltweit um Milliarden an Werbegeldern, Transferablösen und Zuschauerumsätzen geht, lässt der Einsatz für faire Resultate bei FIFA und UEFA zu wünschen übrig. Und da meine ich nicht den groß angelegten Wettbetrug, von dem die UEFA offensichtlich schon seit März wusste (wir haben jetzt Ende November), sondern den eigentlichen Manipulationsskandal, nämlich das entscheidende Hands-Tor der Franzosen im Relegationsspiel gegen Irland.

Der prinzipiell geniale Fußballer Thierry Henry hat den Ball vor dem Treffer glasklar mit der Hand mitgenommen und das nachher auch zugegeben. Zig Millionen Fernsehzuschauer haben es gesehen und wissen, dass Frankreich zu Unrecht zur WM fährt. Konsequenzen? Null. Aber eine Sportart, die ernst genommen werden will, kann Manipulationen dieser Art auf Dauer nicht ignorieren. Schließlich gibt es für eine „Schwalbe“, also ein vorgetäuschtes Elferfaul, auch die gelbe Karte. Der Versuch, den Spielverlauf durch unfaire Mittel zu verändern, gehört also offenbar bestraft. Warum dann nicht auch Henry? Weil der Schiedsrichter nicht gesehen hat, was Millionen sehr wohl gesehen haben. Und warum hat er es nicht gesehen? Weil er sich keine Zeitlupe ansehen darf.

Und das im Jahr 2009. Es ist völlig unverständlich, dass die Fußballverbände für wichtige Bewerbsspiele keinen Videobeweis zulassen. Es gibt ihn im American Football ebenso wie im Eishockey. Ja sogar im Tennis können Entscheidungen der Linienrichter überprüft werden. Natürlich ist die Anzahl der Einspruchsmöglichkeiten – wie bei den oben genannten Sportarten – pro Match begrenzt, um den Spielfluss nicht zu zerstören.

Was spricht also dagegen? FIFA-Präsident Joseph Blatter: „Der Fußball ist ein Spiel mit menschlichem Gesicht, mit Irrtümern von Spielern und Schiedrichtern.“ Und UEFAPräsident Michel Platini: „Der Videobeweis ist der Tod des Fußballs.“ Wie bitte? Das ist ungefähr so, als würde die Kriminalistik auf DNA-Untersuchungen verzichten, weil sonst das spannende Flair von Indizienprozessen verloren ginge. Die Funktionäre sollten sich bewusst machen, dass zigfach mehr Spiele durch unabsichtliche, aber klare Fehlentscheidungen von Referees verfälscht werden als durch Wettbetrug. Zwei neue Zeilen im Regelwerk – und es gäbe viel mehr „verdiente Sieger“ im Fußball.

klasmann.stephan@format.at

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