Stephan Klasmanns "querformat":
Die Benzinpreisposse

Zunächst die schlechte Nachricht: Pfingsten naht. Und damit naht der stets wiederkehrende Ärger. Ein Ärger, der uns auch zu Ostern, vor Ferienbeginn oder langen Wochenenden peinigt – zumindest wenn wir mit unserem Auto eine Tankstelle ansteuern. Pünktlich vor der Reisewelle wird Benzin teurer. Daraufhin setzt die in „Täglich grüßt das Murmeltier“-hafter Weise vorgebrachte Kritik der Autofahrerklubs ein: Die Preiserhöhungen seien ungerechtfertigt.

Weder die Spot-Märkte in Rotterdam noch der Dollarkurs können die erhöhten Spritpreise erklären. Alles reiner Nepp. Daraufhin rechtfertigen sich die Mineralölkonzerne mit irgendwelchen Pressetextsprechblasen. Im nächsten Schritt versichern Wirtschaftsminister oder sonstige Politiker – die mit der Mineralölsteuer Treibstoff erst so richtig teuer machen – treuherzig, den Ölmultis genau auf die Finger zu schauen. Man werde die Konsumenten vor unerlaubten Absprachen schützen. Und schließlich endet das surreale Drama damit, dass die Benzinpreise trotzdem oben bleiben.

Und jetzt die gute Nachricht: Der Ärger ist völlig unnötig. Er basiert auf dem fundamentalen Missverständnis, dass die Herstellungskosten eines Produkts – beim Benzin also der Ölpreis – irgendetwas mit dem Marktpreis zu tun hätten. Das ist nur sehr begrenzt der Fall. Der Aufwand für die Förderung einer Unze Gold ist seit vier Jahren in etwa der gleiche – zwischen 160 und 400 Dollar. Dennoch hat sich der Preis seit 2006 vervierfacht. In anderen Lebensbereichen ist diese Erkenntnis noch viel eindrücklicher: Der Materialwert einer Prada-Tasche hat mit der Preisgestaltung in der Boutique ungefähr so viel zu tun wie die Kosten für sieben Gramm gemahlenen Kaffees mit den 8,40 Euro, die sie in Form eines kleinen Espresso am Markusplatz in Venedig kosten. Zwei Gassen weiter fällt der Preis für den Kaffee auf ein Drittel, aber dort sieht man eben nicht den Campanile.

Der Preis einer Ware richtet sich also nach dem, was der Kunde zu bezahlen bereit ist, und nicht nach dem Wareneinsatz des Verkäufers. Und nachdem der durchschnittliche Japaner nur zwei Stunden seines Lebens auf dem Markusplatz verbringt, ist es ihm sch…egal, was dort der Mokka kostet. Er würde ihn wohl auch noch um 15 Euro trinken. Im Fachjargon nennt man das niedrige Preiselastizität, und die wird in einer Marktwirtschaft beinhart ausgenutzt.

Wer mit der ganzen Herde in Urlaub fährt, hat offenbar wenig Alternativen und kann auch bei höheren Preisen nicht aus. Dafür, dass die Sache nicht erpresserisch wird, sorgt der Wettbewerb. Zugegebenermaßen ist davon am Markusplatz nichts zu merken. Beim Benzin dagegen schon. Ich habe nie verstanden, warum Fahrer bei der Raststätte Lindach auf der Westautobahn tanken, wenn sie zwei Kilometer nach der nahe gelegenen Abfahrt Regau bei einer Avanti-Station um 15 Cent (!) pro Liter billiger nachleeren können. Längst kann man über das iPhone nach den günstigsten Tankstellen der Umgebung fahnden, selbst im Teletext (Seite 435 ff.) finden sich die Diskonter mit Preisangaben. Aber wir richten uns eben nicht danach. Wir sorgen selbst dafür, dass die Preise unelastisch sind. Aus Unwissenheit, aus Bequemlichkeit, aus Zeitmangel. Gäbe es mehr Kunden, die konsequent beim Billigstbieter kaufen, wäre das Preisniveau insgesamt niedriger. Weil wir aber diese beträchtliche Macht, die in unseren Konsummilliarden schlummert, nicht nutzen, zahlen wir eben mehr. Auch fürs Benzin. Selber schuld. Recht haben sie, die Ölmultis.

klasmann.stephan@format.at

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