Stephan Klasmanns "querformat":
Die Arbeitslosigkeit an der Wurzel gepackt!

Lange war die Wirtschaft krank, jetzt wächst sie wieder, Gott sei Dank. In Anlehnung an Wilhelm Busch dürfen wir uns also freuen. Die schlimmste aller Rezessionen, die Mutter aller Wirtschaftskrisen geht langsam ihrem Ende zu.

Ich war zwar nie so pessimistisch wie diverse Weltuntergangspropheten, aber ein wenig gewundert habe ich mich schon. Wieso läuft diese Wirtschaftskrise – angekündigt als die Mutter aller Rezessionen – eigentlich so harmlos ab? Volkswirte belehrten mich dahingehend, dass der Schlüssel zu Wohl und Wehe der Ökonomie in der Arbeits­losigkeit zu finden sei. Und die ist, entgegen den Prognosen, lange nicht so stark gestiegen wie vermutet. Es gibt einfach immer was zu tun, oder zumindest mehr, als man vermuten möchte. Dafür sorgt nicht zuletzt unsere Regierung mit ihrer – wie sie stets versichert – hervorragenden Arbeitsmarktpolitik.
Und stets habe ich gerätselt, was darunter zu verstehen sei. Vergangene Woche schließlich hatte ich ein Erleuchtungserlebnis: Das Fernsehen zeigte eine Menschentraube auf der Wiener Ringstraße. Die Aufmerksamkeit der Menge galt jedoch nicht etwa Burgtheater oder Staatsoper. Nein – heftig diskutierend umstand die Schar ein Loch im Boden, in welchem ein Baum verschwunden war. Das ist in der Tat ungewöhnlich, weil Bäume selten Gruben graben, in welche sie selber fallen. Auch Suizid ist bei Pappeln unbekannt, Selbstbestattung sowieso.

Was also mag der Grund für diesen vegetabilen Kollaps gewesen sein? querformat deckt es erstmals schonungslos auf: Es war eine beschäftigungspolitische Maßnahme unserer Bundesregierung. Immerhin sicherte das Loch – zumindest temporär – Dutzende Arbeitsplätze. Zur Begutachtung der fünf Meter tiefen Höhlung traten zunächst die Beamten der Wiener Linien an, denn der Straßenbahnbetrieb wurde für zwei Stunden eingestellt. Dazu fand sich die MA 28, zuständig für die
Straßenoberfläche, ein. Ihr auf den Fersen waren Kollegen der MA 29, zuständig für Grund- und Brückenbau. Mit von der Partie waren weiters die Wiener Wasserwerke (MA 31), die Wien Kanal, ein Stadtarchäologe, die Wiener Berufsfeuerwehr, die Polizei sowie die sogenannte Permanenzingenieurin der Stadt Wien, Frau Halina Schiller, deren segensreiches Wirken mir bislang gänzlich verborgen geblieben war.

Zur besten Zeit, so Augenzeugen, umstanden bis zu 40 Experten mit ernsten Mienen die rätselhafte Kaverne. Ein Loch, 40 Jobs – fast wie im Rotlichtmilieu. Aber damit sind die Grenzen umfassender Arbeitsbeschaffung noch keineswegs erreicht. Schließlich gibt es ja das Wiener Baumschutzgesetz, dessen §2 vorschreibt, das jeder Grundeigentümer verpflichtet ist, „den auf seinem Grundstück stockenden Baumbestand zu erhalten“. Aufgrund des schrecklichen Vorfalls und dieser Bestimmung müssen nun zur Sicherheit der Bürger auch alle anderen im Gemeindegebiet auf öffentlich zugänglichem Grund „stockenden“ Bäume von den genannten Abteilungen überprüft werden. Zusätzlich wäre ein Baumstockungsgütesiegel denkbar, das vom Amt für Eich- und Vermessungswesen vergeben wird, aber nur von sachkundigen Beamten des Stadtgartenamtes unter Beiziehung eines gerichtlich beeideten Botanikers angebracht werden darf.
Bei Baumpflanzungen muss außerdem künftig eine amtliche Bodendichtemessung der Geologi­schen Bundesanstalt eingeholt werden. Wenn die Regierung jetzt bei Neupflanzungen noch ein
Termiten-Unbedenklichkeitsgutachten, eine vom Jagdverband geprüfte Wildverbissschutzmanschette und einen durch das örtliche Finanzamt auszustellenden Holzzuwachssteuerbescheid einführt, dann hat Österreich die Arbeitslosigkeit endgültig besiegt.

klasmann.stephan@format.at

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