Stephan Klasmanns "querformat": Die Angst vor guter Konjunktur

Trotz der vielen Ziffern und Zahlen gibt es kaum eine irrationalere Veranstaltung als die Börse.

Börsen sind seltsame Orte. Händler kaufen und verkaufen in größter emotionaler Erregung innerhalb von Sekundenbruchteilen Anteile an Unternehmen, die sie noch nie gesehen haben, die Produkte erzeugen, die sie kaum kennen, zu Preisen, deren Angemessenheit sie nicht beurteilen können, für Anleger, die sie ebenfalls nicht kennen und die ihnen gänzlich gleichgültig sind.

Dass in solchen Gefilden auch die Logik eine verzerrte ist, darf da kaum überraschen. So erklärte ein deutscher Händler den Rückschlag an den Aktienmärkten am vergangenen Dienstag damit, die überraschend guten Konjunkturdaten hätten auf die Stimmung gedrückt. Nun fragt man sich als Laie, warum denn eine gut laufende Wirtschaft, die ja für steigende Gewinne der Unternehmen sorgt, schlecht für die Aktienkurse sein soll. Der Grund dafür ist wie folgt: Läuft die Konjunktur gut, so wird es immer wahrscheinlicher, dass die Notenbanken die Leitzinsen, die zwecks Bekämpfung der Rezession derzeit extrem niedrig sind, wieder anheben werden.

Höhere Zinsen bedeuten aber, dass mehr Geld in Zinspapiere und auf Sparbücher fließt und weniger für Aktien übrig bleibt. Da der Preis einer Ware sich durch Angebot und Nachfrage bestimmt, könnten die Aktienkurse wegen des geringeren Interesses der Anleger fallen, obwohl es den Unternehmen objektiv besser geht. Aus diesem Mechanismus leitet sich die Börsenregel ab, wonach steigende Zinsen schlecht für die Dividendenpapiere sind.

In Wahrheit ist das natürlich Unsinn. Geht es der Wirtschaft dauerhaft schlecht, so steigt die Arbeitslosigkeit, es gibt weniger Konsum, die Unternehmen setzen weniger um und gehen irgendwann, wenn sich diese Spirale nur rasch genug dreht, pleite. Dadurch gibt es wieder mehr Arbeitslose und so fort.

Aber Börsenregeln sind bei genauerer Betrachtung nur selten plausibel. Das gilt auch für einen anderen Stehsatz, der letzten Mittwoch wieder zu hören war. „Die Feinunze markierte einen neuen historischen Höchstkurs. Anleger flüchten in den sicheren Hafen Gold.“ Diese angebliche Krisensicherheit des Goldes wird mir stets ein Rätsel bleiben. Stürzt die Wirtschaft in eine schwere Rezession, so bringt Gold gar nichts, denn es gibt immer weniger Menschen, die dazu in der Lage wären, es zu kaufen beziehungsweise einen ordentlichen Preis dafür zu bezahlen.

In einer Weltwirtschaftskrise nützt es noch viel weniger, weil nun fast alle Bürger ihre Habseligkeiten zum Überleben verkaufen müssen und dieses Überangebot den Preis für Schmuck, Edelsteine oder Goldmünzen kollabieren lässt. Bei Naturkatastrophen oder im Kriegsfall lässt sich Edelmetall zwar gegen Lebensmittel tauschen, aber – wovon ältere Generationen ein Lied singen können – nur zu miserablen Kursen. Und selbst das ist nur möglich, wenn der Staat den privaten Besitz von Gold nicht ohnehin verbietet, wie es etwa bei uns unter den Nazis oder in den USA ab 1933 der Fall war. Das alles heißt natürlich nicht, dass man mit Gold nicht großartig verdienen kann. Aber es ist absolut kein sicherer Hafen, sondern eine Spekulation wie jede andere.

Als Fazit bleibt: Geht man den Börsenregeln auf den Grund, so liegt der Verdacht nahe, dass es trotz der vielen Ziffern und Kennzahlen, die einen extrem rationalen Eindruck vermitteln, kaum eine irrationalere Veranstaltung gibt als den Finanzmarkt. Börsen sind seltsame Orte. Die vergangene Woche hat uns daran wieder einmal nachdrücklich erinnert.

- Stephan Klasmann

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten