Stephan Klasmanns "querformat": Desolate Kasernen als Chance für die Jugend?

Die heutige Jugend kann einem wirklich leid tun. Ihre Eltern und Großeltern ruinieren die Umwelt, leben auf Kosten ihrer Sprösslinge in Saus und Braus, indem sie unfassbare Staatsschulden ansammeln, gehen nach einem kurzen Arbeitsleben hinter einem kaum je überladenen Schreibtisch in die sogenannte Hacklerpension und regen sich dann womöglich darüber auf, dass die jungen Leute den „Generationenvertrag“ aufkündigen wollen, den sie wohlgemerkt nie unterschrieben haben, sondern der ihnen von ebenjenen Eltern und Großeltern aufs Aug gedrückt wurde.

Er lautet: „Ihr arbeitet brav für unsere Frühpension, zahlt mächtig Steuern und pflegt uns ordentlich, bis wir intensivmedizinisch versorgt mit 110 Jahren endlich den Holz-Pyjama anziehen. In der Zwischenzeit sorgt ihr noch privat für eure eigene Alterssicherung, weil aus dem staatlichen Pensionssystem braucht ihr euch nichts erwarten. Es ist schließlich ein Umlagesystem, es werden also eure Beiträge für unsere Versorgung umgelegt.“

Bei solchen Perspektiven ist es kaum verwunderlich, dass auch traditionelle Organisationen, die Wasser predigen und (Mess-)Wein trinken, nicht mehr so hoch im Kurs stehen. Das zeigt sich etwa in den Kirchenaustritten, die derzeit ein Rekordniveau erreichen und vor allem unter den 20- bis 30-Jährigen en vogue sind. Zwar glauben laut der sogenannten Jugendwerte-Studie 69 Prozent an Gott, aber den sehen sie eben zunehmend weniger durch Kinder grapschende Kuttenmonster repräsentiert. Wohin aber wendet sich die Jugend, bei der ausgerechnet jetzt konservative Werte wie Treue, Familie und feste Partner eine Renaissance erleben? Wo finden die geplagten Teenager und Twens Verständnis und Schutz?

Beim Bundesheer. Gegenüber 2008 dürfte die Zahl der jungen Leute, die sich beim Heer als Freiwillige bewerben, von 2.700 auf rund 4.000 steigen. Verteidigungsminister Norbert Darabos frohlockt dementsprechend und gibt kund, dass es „gerade in einer schwierigen Arbeitsmarktsituation wichtig ist, den jungen Menschen Perspektiven zu geben“.

Aber was sind denn die großartigen Chancen, die auf die ambitionierten Jugendlichen warten? Wie sehen sie denn wirklich aus? So sehen sie aus: Nächtigung in halb desolaten Kasernen, für deren Sanierung das Geld fehlt. Veraltetes Material, das selbst in Rumänien im heeresgeschichtlichen Museum landen würde. Lähmende Assistenzeinsätze im Burgenland, zur heldenhaften Stelligmachung von zwei Dutzend illegalen Grenzgängern und vier Autodieben. Hochintelligente Kameraden, die auf der Autobahn mit Nebelgranaten für Blechsalat sorgen.

Diese Aussichten will ich ja nicht einmal geschenkt. Wenn ich schon Alpträume haben möchte, dann erfinde ich sie mir wenigstens selbst. Wie verzweifelt muss denn unsere Jugend sein, wenn sie von solchen „Perspektiven“ angezogen wird!

Dass der Verteidigungsminister solche Entwicklungen toll findet, mag ja aus seinem Job heraus noch verständlich sein. Unserem Bildungssystem und unserer Jugendpolitik stellt sie ein verheerendes Zeugnis aus. Bundesheer statt Kirche. Strache statt Haider. Regen statt Traufe. Pest statt Cholera. Die heutige Jugend kann einem wirklich leid tun!

klasmann.stephan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten