Stephan Klasmanns "querformat":
Der entfesselte Prölletheus

Was ficht ihn an? Warum will ein einflussreicher Landeshauptmann – beim Wahlvolk beliebt – unbedingt ein einflussloses, bloß repräsentatives Amt übernehmen, dessen Inhaber – bei seinem Wahlvolk ebenfalls beliebt – einen guten Job macht und der daher aus selbigem kaum zu verdrängen sein wird? Warum also will Erwin Pröll Präsident werden?

Lange grübelten politisch Interessierte, wie dieses Rätsel denn zu lösen sei, wie die Pröll’schen Ambitionen denn zu deuten wären. Von Anfang an war Kennern der Szene klar: Nicht etwa Eitelkeit oder gar Selbstüberhebung können es sein, die den Landesvater in den Stand des Bundesvaters drängen. Nein. Immer war klar, dass ein Pröll – gleich welcher – seinen Geist stets nur in große, ja visionäre Dimensionen erhebt. Und nun haben wir die Bestätigung dafür erhalten. Ein geheimes Dokument, dem querformat zugespielt und offensichtlich erstellt bei einer diskreten Studienreise des Landeshauptmanns nach Polen, enthüllt
seine wahrhaft epochalen Pläne. Dort, wo die Brüder Kaczynski das Amt des Staatspräsidenten und des Regierungschefs innehaben, sich also in familiärer Verbundenheit selbst kontrollieren, reifte die Vision der Pröllisierung Österreichs zum detaillierten Stufenpan. Demnach, so geht aus dem Geheimdokument hervor, stehen wir erst am Anfang der dynastischen Ausbreitung:

2010: Neffe Josef Pröll wird mithilfe von Sympathisanten in allen Parteien – sogenannten parlamentarischen Schläfern – zum Kanzler gekürt. Onkel Erwin bekommt bei der Bundespräsidentenwahl über 90 Prozent der 80 Millionen abgegebenen Stimmen. Dass die Stimmenanzahl jene der Wahlberechtigten weit übersteigt, erklärt der Wächterrat der ÖVP mit einem nachträglich eingeführten Mehrfachstimmrecht für Mitglieder des Bauernbundes.

2011: Nach der Regierungsbildung nehmen nur noch Mitglieder der Familie Pröll am Ministerrat teil. Die Legislaturperiode wird nachträglich auf 200 Jahre verlängert.

2014: Eine Verfassungsänderung schließt Regierungsämter für Personen, die nicht Pröll heißen, aus. Der Bundespräsident segnet das Gesetz trotz heftiger Proteste ab. Werner Faymann geht einen pragmatischen Weg und lässt sich umtaufen.

2018: Nach monatelangen Demonstrationen dankbarer jugendlicher Fans gibt Erwin schließlich dem Druck der Straße nach: Die niederösterreichische Landeshauptstadt wird in St. Pröllten umbenannt.

2021: Anlässlich seines 75. Geburtstags wird das Tragen von Pröll-Perücken für männliche Bürger zur Pflicht erhoben.

2046: Anlässlich einer monumentalen Feier zu Erwins 100. Geburtstag erfolgt der nächste entscheidende Schritt auf dem Weg zur Pröllisierung: Alle zeugungsbeziehungsweise gebärfähigen BürgerInnen müssen sich nun auf Pröll umtaufen lassen. Durch diesen generösen Schritt hat nun jeder Zugang zu Regierungsämtern. Das Volk jubelt. Nur die kleine chinesische Minderheit protestiert, weil sie „r“ nicht aussprechen kann. Aus den Mitteln des Integrationsfonds werden daraufhin Sprachkurse angeboten.

2146: Erwin – mittlerweile 200-jährig – wird von Papst Josef I., seinem Urururenkel, per Dekret für unsterblich erklärt. Die Pröllisierung Österreichs, ja des ganzen Abendlandes, ist damit abgeschlossen. Das große Werk ist getan.

Und jetzt verstehen Sie endlich, warum Erwin Pröll 2010 zur Bundespräsidentenwahl antreten will. Es ist nur ein erster Schritt in eine glanzvolle Zukunft. Prölletarier aller Länder, vereinigt euch!

klasmann.stephan@format.at

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