Stephan Klasmanns "querformat":
"Der Mitarbeiter war stets bemüht ..."

Der Mensch ist das Maß aller Dinge, Faymann leider nicht.

Die ÖBB sind eine beliebte Zielscheibe für Kritik. Absurd niedriges Pensionsalter, horrende Defizite, haarsträubende Management-entscheidungen, Politfilz. Doch dieser Tage förderten die „SN“ wahrhaft Positives zutage: Die Bundesbahn sorgt sich wirksam um unsere Sicherheit. Auf der Suche nach 400 Lokführern verpflichtete die Personalabteilung die Bewerber zu einem Drogentest. Das Ergebnis: Bis zu einem Drittel der Möchtegernlokführer fiel bei der Laboranalyse durch. Das ist eine Quote, die man nicht einmal in der Model- und Showbiz-Szene vermuten würde. Dankbar und mit einem Gefühl tiefster Geborgenheit werde ich hinkünftig auf dem Perron stehen und Verspätungen geduldig im Wissen ertragen, dass der Zug von einem Cannabis-, Kokain- beziehungsweise Heroin-Abstinenzler geführt wird.

Gutes Personal ist eben schwer zu bekommen. Und um es noch schwerer zu machen, verpflichtet das Gesetz die Arbeitgeber, in Dienstzeugnissen ausschließlich Positives zu vermerken. Selbst der ärgste Tachinierer muss wohlwollend beschrieben werden, was den Zweck dieser Schriftstücke ad absurdum führt. Doch mit der Zeit haben die Personalchefs ihren eigenen Code entwickelt, der mit lobenden Worten vernichtend urteilt. So ist etwa ein Mitarbeiter, „dem die gute Kommunikation in der Abteilung ein Anliegen“ war, ganz einfach eine arbeitsscheue Tratsche, und ein Kollege, der „stets die Anweisungen des Vorgesetzten umgesetzt hat“, ein völlig unselbständiger Depp, dem man jeden Handgriff anschaffen musste. Die berühmteste dieser Phrasen ist jedoch: „Der Mitarbeiter war stets bemüht, die ihm gesetzten Aufgaben zu erfüllen.“ Zu gut Deutsch: bemüht wohl, aber leider nicht dazu in der Lage. Im Klartext: Volltrottel. Das führt den politikinteressierten Bürger zum Problem der Rekrutierung guten Personals zurück. Zum Beispiel: die Bundesregierung. Mit nicht geringer Beunruhigung habe ich die Regierungserklärung des Kabinetts Faymann studiert und bin auf die darin enthaltene Messlatte gestoßen, nach der unsere neue Ministerriege beurteilt werden möchte: „Messen Sie diese neue Bundesregierung“, so der Kanzler zu den Nationalratsabgeordneten, „an ihren Anstrengungen in einer Zeit großer Herausforderungen.“ Und dann die entscheidende Phrase: „Messen Sie uns an unseren Bemühungen …“
Beim Bewerbungsgespräch hätte das schon den Flop des Aspiranten bedeutet. Und das ganz zu Recht: Eine Führungskraft wird nämlich ausdrücklich nicht an ihren Bemühungen gemessen, sondern an ihren Resultaten. Dass sich die Herren Faymann, Pröll und Co anstrengen werden, davon darf man ja wohl ausgehen. Alles andere wäre sowieso eine Unverschämtheit. Aber gemessen wird nicht an der Bemühung oder der Anstrengung, sondern am Ergebnis in Relation zu den gesteckten Zielen.

Bei der neuen Regierung scheitert dieses Ansinnen freilich schon daran, dass trotz gegenteiliger Ankündigung kaum klare Ziele formuliert sind. „Für die Politik der kommenden Jahre braucht es klare Zielvereinbarungen“, so Faymann. „Die allererste muss lauten: Das Erfolgskriterium der Politik muss der Mensch sein und nicht Umsatz und Gewinn.“ Der Mensch, als Maß aller Dinge. Nett, aber schon vor 2.450 Jahren von einem gewissen Protagoras erfunden. Der Rest ist leider nicht Schweigen, sondern Verbalplunder: Pensionen erhalten, Absicherung von Arbeit und Einkommen, Gesundheit für alle, Forschung fördern. Schnarch, gähn. Hat es je eine Regierung zwischen Südkorea und Burundi gegeben, die das nicht versprochen hätte? Man muss befürchten, dass diejenigen, die in diesem Land die Züge führen, weit qualifizierter sind als jene, die selbiges mit der Regierung versuchen.

klasmann.stephan@format.at

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