Stephan Klasmanns "querformat":
Der Koffer ist keine Ente!

"96 Milliarden! Ich hätte gedacht, die würden jemandem abgehen."

Manchmal passieren Sachen, die sind einfach unglaublich. Und ich meine jetzt nicht, dass Martin Graf noch immer Dritter Präsident des Österreichischen Nationalrats ist, und auch nicht, dass es noch immer Unternehmen gibt, die sich vom Sponsoring von Radrennen einen positiven Imageeffekt erhoffen. Nein. In dieser an pekuniären Rekorden nicht eben armen Zeit fahren zwei ältliche Japaner mit einem kleinen Lederkoffer von Italien in die Schweiz und bleiben bei einer Routinekontrolle (wer es glaubt!) mit US-Anleihen im Wert von 134 Milliarden Dollar hängen. Das sind 96 Milliarden Euro. Das ist, wie der urbane Ostösterreicher sagen würde, echt kein Bemmerl – sondern 35 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts.

An dieser Stelle muss ich mich demütig als völliger Geldschmuggel- Dilettant outen. Erst glaubte ich, der Koffer sei eine Ente. Ich hätte sofort 96 Milliarden Euro dagegen gewettet, dass es überhaupt möglich ist, so einen Betrag in einem Gepäckstück – und wäre es auch von beträchtlicher Dimension – unterzubringen. Aber das unterscheidet eben den Laien vom Profi: Selbst an der Grenze seiner Dehnungsfähigkeit fasst mein Samsonite gerade einmal 70 Millionen – weil ich ihn mit peinlich-wertlosen 500-Euro-Scheinen zu füllen versuchte. Die beiden Japaner könnten angesichts solch erbärmlicher Bemühungen bloß verlegen lächeln. In ihrem Köfferchen fanden sich Wertpapiere, die diese Bezeichnung verdienen: zehn Anleihen à eine Milliarde Dollar und 249 Papiere à 500 Millionen Dollar. Da sage noch jemand, Besitz belastet!

Aber man lernt eben nie aus, und so gesellt sich zu dieser Erkenntnis eine andere, die fast noch überraschender ist: Man weiß nicht, wem dieses irrwitzige Vermögen gehört. Die Theorien reichen von der Mafia bis hin zum nordkoreanischen Geheimdienst. 96 Milliarden Euro! Ich hätte gedacht, die müssten irgendjemandem abgehen. Ich hätte auch gedacht, in unserer von mannigfaltiger Elektronik kontrollierten Welt sei es schlicht unmöglich, so einen Betrag um die Welt zu schicken, ohne dass man den Absender kennt (jetzt wissen wir wenigstens, wie die Finanzkrise passieren konnte).

Ehrlich gesagt: Ich hätte gerne auch so ein Köfferchen. Nur so zum Gaudium. Etwas Bizarr-Lustvolles hätte es schon an sich, mit einem 500-Millionen-Dollar-Papier zur Bank zu gehen, um beispielsweise Julius Meinls 100-Millionen-Euro-Kaution zu hinterlegen (jetzt wissen wir wenigstens, wieso das so schnell gegangen ist): „’tschuldigung, ich hab’s nicht kleiner. Ich krieg da noch so 257 Millionen Euro raus. Na ja, machen wir 250. Der Rest ist für Sie.“ Oder Sie sprechen vor einem Zigarettenautomaten einen Passanten an: „Hab leider kein Kleingeld. Könnten Sie mir das mal kurz in Münzen wechseln?“ Pech haben Sie freilich, wenn der Herr freundlich zustimmt, denn dann benötigen Sie rund 15.700 Tieflader für die Zwei-Euro-Münzen, das Innenministerium verhaftet Sie wegen einer unangemeldeten Lkw-Demo und beschlagnahmt die Fahrzeuge samt Ladung.
Doch genug der Schwärmerei. Zurück zur Realität. Und da passt es, dass der Nutznießer dieses ungewöhnlichen Schmuggelversuchs ausgerechnet Europas Polit-Kabarettist Berlusconi ist. Die Italiener dürften immerhin 38 Milliarden Euro an Zollstrafe einbehalten. Silvio darf sich freuen. Oder auch nicht. Vielleicht war es ja sein eigenes Geld, dass er vor der Scheidung in Sicherheit bringen wollte. Unglaublich? Was ist heute noch unglaublich!

klasmann.stephan@format.at

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