Stephan Klasmanns "querformat": Der Charme der Schurken

Die Vorliebe der Wähler für Spitzbuben und Schlawiner ist vielleicht bloß weise Voraussicht.

Viel peinlicher geht es eigentlich nicht. Da maßt sich ein Minister jahrelang einen Doktortitel an, den er nie redlich erworben hat, muss auf Raten zugeben, seine Dissertation seitenweise abgeschrieben zu haben, und ziert sich auch noch wochenlang, ehe er endlich zurücktritt. Ausgerechnet der Glanz- und Glamour-Freiherr Karl Theodor von und zu Guttenberg, der sich als deutscher Verteidigungsminister mit seiner schmucken Gemahlin Christiane als Kämpfer für Tugend und Recht gerierte, wurde als wenig geschickter Dieb geistigen Eigentums entlarvt. Das Kürzel Dr. steht hier für dreist. So weit, so schlimm.

Nun sollte man erwarten, dass der solcherart betrogene Wähler den Hochstapler mit Verachtung, Hohn und Häme bestraft, ehe er ihn in der wohlverdienten Versenkung verschwinden lässt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nur eine Woche nach dem Rücktritt bastelt seine Partei bereits am Comeback des bayerischen Münchhausen. Und das aus gutem Grund: Laut einer Umfrage des Berliner Nachrichtensenders n-tv wünschen sich 88 Prozent der Deutschen die Rückkehr des Mogeldoktors in die Politik. Dem p.t. Wähler ist die Gaunerei des Blaubluts offenbar völlig egal.

Zu Guttenberg ist jedoch beileibe nicht der einzige, dessen Beliebtheit Wortbruch oder Gerichtsverfahren unbeschadet übersteht. Paradebeispiel für diese Immunität ist Silvio Berlusconi. Ruby hin, Steuerhinterziehung und Amtsmissbrauch her – selbst kritische italienische Kommentatoren konzedieren, dass der Regierungschef die nächsten Wahlen wohl wieder gewinnen wird.

Selbst in den USA – der Hochburg des erhobenen moralischen Zeigefingers – sieht man über ein bisschen Betrügen gerne hinweg. Bill Clinton war trotz der Lügen über seine Affäre mit Monica Lewinsky und seines bevorzugten Zigarrengebrauchs, die sogar ein Amtsenthebungsverfahren zur Folge hatten, bis zuletzt einer der beliebtesten US-Präsidenten.

Und auch in Österreich gibt es die Spezies des Lausbuben, dem man nicht böse sein kann (oder will). Selbst wenn die Sympathiewerte für Karl-Heinz Grasser unter früheren Rekordwerten liegen, ist es angesichts der Vielzahl an Affären, in denen der ehemalige Finanzminister eine tragende Rolle spielt, erstaunlich, in welch hoher Gunst er immer noch steht – an den Stammtischen gleichermaßen wie in der High Society.

Aber vielleicht ist die Schlussfolgerung, dass uns Wählern moralische Mängel gleichgültig sind, solange sie nur gut verpackt werden, voreilig. Vielleicht steckt ja tieferer Sinn hinter den Vorlieben des Elektorats für Spitzbuben und Schlawiner. Etwa die Erkenntnis, dass in der sogenannten Realpolitik Rechtschaffenheit ein gar großes Hindernis sein kann. Es ist nicht jedermanns Sache, einen Gaddafi heute über den roten Teppich zu begleiten, um ihn morgen als potenziellen Kriegsverbrecher in Den Haag anzuklagen. Und man braucht schon einen höchst gelenkigen Wendehals um den jahrzehntelang als Vermittler im Nahen Osten geschätzten Hosni Mubarak anderntags zum strengen Diktator zu erklären (der er natürlich ist und immer war) und ihm in geheuchelter Empörung die Konten zu sperren. In so einer Welt kommt man als Schlitzohr besser zurecht. Die Vorliebe der Wähler für charmante Schurken ist daher nicht unbedingt ein Zeichen für moralische Ignoranz. Vielleicht ist es bloß weise Voraussicht.

- Stephan Klasmann

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