Stephan Klasmanns "querformat": Blau-orange Bande bestätigt neue Erkenntnisse

Eigentlich hätten wir ja allen Grund, enttäuscht zu sein. Vor allem die FPÖ/BZÖ/FPK-Wähler. Was haben sie uns nicht alles versprochen (also nicht die Wähler, die Parteien)! Der heilige Jörg höchstselbst wollte gegen den Korruptionsstadel der Wiener Altparteien antreten und den Saustall in der Bundeshauptstadt ausmisten. Was stand da nicht alles auf den Plakaten: Einfach ehrlich, einfach Jörg! Er hat Euch nicht belogen!

Und dann das: Die ganze blau-orange Bande watet immer tiefer durch den Sumpf aus Korruption, Freunderlwirtschaft und Steuerhinterziehung. Immer mehr wird offenbar, wie sehr Gier, Skrupellosigkeit und das Balancieren am Rande der Legalität zum verbindenden Merkmal vermeintlicher Saubermänner wurde. Das begann bei Grassers Steuersparverein und reicht nun über Buwog-Affäre, Liechtenstein-Konten, Casino-Gutachten, Meischberger-Steuerverfahren bis hin zum Hypo-Alpe-Adria- Sumpf und zur Verhaftung des Haider-Spezls Kulterer.

Wie sollen wir das nennen: Verlogenheit? Heuchelei?

Pharisäertum? Nein! Eine Studie der Universität Toronto, veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe des renommierten Fachmagazins „Psychological Science“, hat eine plausible, wissenschaftliche Erklärung für das krasse Auseinanderklaffen von Schein und Sein. Die Autoren, Chen-Bo Zhong und Nina Mazar stellten fest, dass Menschen, die glauben, ein gutes Werk verrichtet zu haben, danach umso skrupelloser agierten. Sie ließen ihre Probanden gleichartige und jeweils gleich teure Produkte einkaufen, von denen die einen als biologisch/ grün/fair-trade, die anderen als normale Massenware deklariert waren. Nach dem Shopping testeten sie – für die Teilnehmer unbemerkt – deren moralisches Verhalten. Sie sollten erstens einen Geldbetrag zwischen sich und einem anderen aufteilen und zweitens einen Wahrnehmungstest ausführen, bei dem ein bestimmtes Resultat mit einem Geschenk belohnt wurde. Das Ergebnis: Diejenigen, die „gute“ biologische Waren gekauft hatten, waren beim Verteilen signifikant geiziger und versuchten, sich beim Wahrnehmungstest wesentlich häufiger durch Lügen und Manipulation den Gewinn zu erschleichen. Fazit der Wissenschaftler: Es gibt offenbar eine Art Moralkonto. Wer glaubt, schon viel Löbliches getan zu haben, der hält es – quasi als Belohnung – für gerechtfertigt, sich auch die eine oder andere Linke zu erlauben. Wer heilig ist, der darf auch ein bisschen hauen. Nicht Moralapostel, nein, Moralbuchhalter sind wir!

Und jetzt werden Sie sich fragen, was denn die blau-orange Bande so ethisch Hervorragendes geleistet hat, um diesen Wust an Unappetitlichkeiten in ihrer Moralbilanz auszugleichen. Ja plakatiert haben sie! Den Mund haben sie sich fusselig geredet! Einfach ehrlich, einfach Jörg. Vertraut uns! Gehaltsobergrenzen für F-Politiker! Er hat Euch nicht belogen! Sie haben unermüdlich Redlichkeit und Sauberkeit gefordert! Ja was glauben Sie denn, wie anstrengend das war, den Unbestechlich- Aufrichtigen zu markieren! So viel haben diese edlen Männer für die moralische Hochrüstung des Landes geleistet, dass jegliche Entrüstung über ein paar Fehltritte völlig ins Leere geht. Das Moralkonto war einfach erschöpft nach so viel plakatierter Rechtschaffenheit.

Also, liebe FPÖ/BZÖ/FPK-Wähler, seid nicht enttäuscht. Eure Politstars sind gar keine Lügner, Heuchler, Pharisäer – sie bestätigen uns nur neuestewissenschaftliche Erkenntnisse.

klasmann.stephan@format.at

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