Stephan Klasmanns "querformat": Bildungsreform ohne Kompromiss

Mein Vorschlag: Aufsteigen mit drei „Nicht genügend“ und Beschränkung auf drei Unterrichtsfächer.

Immer diese Kompromisse. Wie so viele Projekte der Bundesregierung bleibt auch die Bildungsreform Stückwerk. Zugegebenermaßen ist man auf dem steinigen Weg zur endgültigen Nivellierung nach unten wieder einen Schritt vorangekommen, aber eben nur einen Schritt. Aufsteigen mit drei „Nicht genügend“ ist ja schön und gut, aber bei zwölf oder gar vierzehn Fächern, wie sie manche Schüler zu bewältigen haben, bedeutet das, dass in mindestens 75 Prozent der Gegenstände positive Noten erforderlich sind. Muss das denn wirklich sein? Warum nicht aufsteigen mit sieben „Nicht genügend“ oder mit acht? Schließlich ist es egal, ob man nochmals in der 3. Klasse sitzt und keine Ahnung hat oder in der 4. Klasse sitzt und keine Ahnung. Selbst im Parlament sitzen haufenweise Leute herum, die keine Ahnung haben. Warum also bei den Teenagern plötzlich so streng sein, wo uns doch die Schule auf das reale Leben vorbereiten soll!

Doch leider: Der große Wurf bei der Bildungsreform ist wieder einmal ausgeblieben. Dabei wäre er doch so naheliegend. Erster Schritt: Aufsteigen mit drei „Nicht genügend“. Zweiter Schritt: Reduktion der Unterrichtsfächer auf drei. Sie glauben, das sei schwierig? Breites Allgemeinwissen ginge verloren? Keineswegs!

Das Unterrichtsfach eins heißt „Sprechen“. Darin sind Englisch, Deutsch, Latein und alle andere Sprachen zusammengefasst. Das leistet auch einen tollen Beitrag zur Integration, weil irgendetwas in irgendeiner Sprache daherzureden schaffen doch die meisten, und so wird niemand diskriminiert. Für eine tolle Karriere reicht das allemal: Werner Faymann hat es auch ohne einsatzfähiges Englisch zum Bundeskanzler gebracht. Leibesübungen fallen ebenfalls in dieses Fach, schließlich gibt es auch eine Körpersprache, und dann und wann kann man ja auch – vor allem in der Pubertät – die Fäuste sprechen lassen.

Das zweite Fach heißt „Sachen die was man angreifen und zählen kann“. Dieses Wissensgebiet umfasst die Alt-Fächer Chemie, Physik, Biologie, Geografie, Mathematik (nur ganz wenig) und Ähnliches. Hier haben lustige Experimente wie das Basteln von Sprengfallen, das Testen der Dezibel-Toleranz des menschlichen Ohres bei Einwirkung von Rockmusik oder Selbsterfahrung im Geschlechtsverkehr mit Mensch und Tier ihren Platz.

Das dritte Fach, „Sachen die was man nicht angreifen und zählen kann“, entspricht den heutigen Geisteswissenschaften. Dabei lernt man alles Wissenswerte über Philosophie, Psychologie, Geschichte, Soziologie. Hier können die Schüler auch ihren kulturellen Hintergrund einbringen und etwa darüber diskutieren, warum Juden an der Weltverschwörung schuld sind, Frauen hinter den Herd gehören und eine g’sunde Watschen noch niemandem geschadet hat. Lesen ist eher nicht so wichtig, weil man in Österreich ohnehin Landeshauptmann werden kann, wenn man sich auf den „Schatz im Silbersee“ beschränkt. Und dieses eine Buch kann man sich auch vorlesen lassen.

Durch die Beschränkung auf drei Fächer bei gleichzeitiger Aufstiegsmöglichkeit mit drei „Nicht genügend“ ist das Übel des Repetierens endgültig gebannt. Wer wirklich noch weitere Qualifikationen braucht, der kann ja Fernlehrgänge bei Humboldt besuchen. Ich sehe schon die Werbung vor mir: „Ich habe gerade den Starkstromingenieur gemacht, und jetzt mach ich noch den Bundespräsident.“

- Stephan Klasmann

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