Stephan Klasmanns "querformat":
Aufruf zum Lehrerstreik!

Als Sündenböcke taugen Lehrer derzeit fast so gut wie Banker.

Willst du Wohlstand in einem Jahr, so säe Getreide, willst du Wohlstand in 30 Jahren, so pflanze Lackbäume, willst du aber Wohlstand in 100 Jahren, so bilde dein Volk.“ Diese dem chinesischen Philosophen Konfuzius zugeschriebene Weisheit findet bei unserer Regierung erwartbarerweise wenig Gehör. Wieso sollten Bildungsministerin Claudia Schmied und Grinsekanzler Faymann auch für 100 Jahre planen, wenn die Legislaturperiode schon in fünf Jahren endet? Anstatt also die Ausgaben für das wichtigste Kapital unserer Zukunft – nämlich gut ausgebildete junge Bürger – zu erhöhen, ist es viel billiger, alte Klischees und Neidkomplexe zu bedienen: Sollen sie nur mehr arbeiten, die faulen Lehrer! Haben eh nur einen Halbtagsjob, monatelang Ferien, und dann versaut uns das unfähige Pack auch noch die PISA-Studie!
Zwei Stunden mehr Unterricht pro Woche hält Frau Schmied daher für zumutbar. Und sie kann sich der Unterstützung des Stimmviehs sicher sein, denn Lehrer kommen in der aktuellen Sündenbockrangliste gleich nach den Bankern. Doch die gerne verbreiteten Vorurteile über deren ach so tolle Privilegien stimmen nicht. Gerade Berufseinsteiger sind weder unkündbar, noch haben sie einen sicheren Job. Viele von ihnen wissen oft bis wenige Wochen vor Schulbeginn nicht, ob und wie viele Stunden sie unterrichten können, und die Einstiegsgehälter liegen bei für Akademiker beschämenden 1.500 Euro netto.

Kaum eine Berufsgruppe hat eine so hohe Burnout-Rate,  in kaum einem Job ist die psychische Belastung über Jahrzehnte hinweg so hoch. Dazu kommen eine außergewöhnliche Verantwortung, geringe Aufstiegsmöglichkeiten und ein System, in dem Direktoren, Bezirks- und Landesschulinspektoren (wofür braucht man Letztere überhaupt?) kaum verhohlen nach dem Parteibuch besetzt werden.
Auch das Gefasel vom Halbtagsjob ist Schwachsinn. Es ist noch niedrig geschätzt, dass eine gute Unterrichtsstunde eine weitere Stunde an Vorbereitung beziehungsweise in Schularbeitsfächern an Nachbereitung benötigt. Natürlich gibt es schlechte, abgestumpfte oder einfach faule Pauker, die sich diese Zeit nicht nehmen, aber die werden auch mit zwei Stunden mehr Unterricht nicht zu guten Lehrkräften. Dafür bestraft man gerade die engagierten Dienstnehmer, die nebenbei noch Schulprojekte vorbereiten und sich auch als Coach und Klagemauer für jene Schützlinge sehen, deren Eltern ein Klassenzimmer als praktischen Aufbewahrungsort für ihren Nachwuchs missverstehen.

Viel wichtiger, als dass Lehrer mehr arbeiten, wäre es, dass sie besser arbeiten. Dafür braucht es niedrigere Klassenschülerzahlen, Coaching und Weiterbildung für die Unterrichtenden sowie ein effizientes System der Qualitätskontrolle. Aber das kostet Geld und bringt keine Wählerstimmen. Folglich ist davon im Regierungsprogramm auch nichts zu lesen. Zwei Stunden mehr Arbeit für die privilegierten Lehrer – das bedeutet sicheren Applaus, auch wenn es sicher nichts bringt. Dass die Frau Ministerin die unbezahlte Mehrarbeit auch noch als Solidaritätsbeitrag in der Wirtschaftskrise verkaufen will, schlägt dem Fass ohnehin den Boden aus. Schließlich dauern die Parlamentsferien der nicht eben schlecht bezahlten Abgeordneten, die dieses Gesetz beschließen sollen, länger als die Sommerferien der Schulen. Das hat Konfuzius nicht bedacht: Willst du Wahlerfolg in fünf Jahren, so verblöde das Volk.

klasmann.stefan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten