Stephan Klasmanns "querformat": Auf dem Weg zur Weltmacht

35.000 Arbeitsplätze sind in China gerade einmal eine statistische Unschärfe.

Viele der weltbewegenden Veränderungen oder auch Erfindungen kommen auf leisen Sohlen. Oft erschließt sich erst nach Jahrzehnten die historische Dimension von anfangs wenig bedeutsamen Ereignissen – sei es der schleichende Untergang des römischen Imperiums, der Siegeszug des Buchdrucks oder jener des Internets. Selbst das Automobil galt bei seiner Entwicklung vor 125 Jahren als spleenige Technologie, der jede Massentauglichkeit abgesprochen wurde.

Der Februar 2011 brachte uns eine solche Wegmarke im Prozess einer globalen Umwälzung. Und damit ist nicht die Revolution in Ägypten gemeint und – selbst im skizentrierten Österreich – auch nicht der Triumph von Doppelweltmeisterin Lizz Görgl. Es ist scheinbar viel banaler: China hat Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Noch vor zehn Jahren war dieses Überholmanöver erst für das Jahr 2018 erwartet worden. Damals wurde geschätzt, dass es bis 2040 dauern würde, bis der bevölkerungsstärkste Staat der Welt die USA als Wirtschaftsmacht Nummer eins ablösen würde. Mittlerweile gehen Ökonomen davon aus, dass das Reich der Mitte den ihm aus seinem Selbstverständnis heraus ohnehin zustehenden Spitzenplatz bereits 2025 erreichen wird.

Wir sind damit Zeitzeugen einer Entwicklung, die man auch noch in 500 Jahren in Geschichtsbüchern nachlesen wird: des Aufstiegs Chinas zur Weltmacht. Und trotz Weltausstellung, Olympischer Spiele und Taikonauten im All ist uns die gigantische Dimension dieses Landes kaum bewusst. Nur anhand von Beispielen lässt sie sich erahnen: Anfang Februar eroberte Volkswagen mit seinen Expansionsplänen die Titelseiten der internationalen Wirtschaftspresse. Von „Handelsblatt“ bis „Financial Times“ wurde landauf, landab berichtet, dass VW bis 2018 gigantische 35.000 Arbeitsplätze in China schaffen will. „Wow!“, haben wir uns gedacht. Aber lassen Sie uns doch einmal nachrechnen.

China hat grob geschätzt etwa 170-mal so viele Einwohner wie Österreich. Auf unser Land übertragen, reden wir also von 200 Jobs, die bis 2018 entstehen sollen. Das macht pro Jahr rund 25. Besser als nichts, zugegeben, aber nichts, was in der Beschäftigungsstatistik über den Stellenwert eines Rundungsfehlers hinausgeht. 35.000 Jobs sind in China – und auch in Indien – gerade einmal eine statistische Unschärfe. Das muss man erst einmal sickern lassen. Vor diesem Hintergrund nehmen sich auch die scheinbar enormen Devisenreserven von etwa zwei Billionen Euro bescheidener aus. Auf Österreich übertragen, wären das nur rund 13 Milliarden Euro. Dennoch reicht der absolute Betrag der jährlichen chinesischen Überschüsse locker aus, um einen Gutteil des US-Budgetdefizits zu bezahlen.

Mit China und auch mit Indien wachsen in unserer globalisierten Welt Giganten heran, die die USA und Europa in nie gekannter Weise herausfordern werden. Auch uns in Österreich. Nichts weniger als unser künftiger Wohlstand wird davon abhängen, wie wir uns zwischen diesen Riesen behaupten können. Aber anstatt dass sich unsere Politiker ernsthaft um das bemühen, was es in dieser Auseinandersetzung braucht – Effizienz, Bildung, Technologie –, verplempern wir die immer knapper werdende Zeit mit Spiegelfechtereien um Föderalismus, Pfründeverteilung und unrealistischen Ansprüchen an Pensions- und Gesundheitssystem.

Das Burgenland und Vorarlberg haben zusammen so viele Einwohner wie ein kleiner Stadtbezirk von Shanghai. Wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe.

- Stephan Klasmann

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