Stephan Klasmanns "querformat": Alles Gute zum Geburtstag Finanzkrise!

So hat sich das Henry Paulson wohl nicht vorgestellt. Diese Woche jährt sich zum zweiten Mal eine Fehlentscheidung, die mit Sicherheit die teuerste der Nachkriegsgeschichte war. Am 15. September 2008 ließ der damalige US-Finanzminister die Investmentbank Lehman Brothers in Konkurs gehen und machte damit das, was zuvor eine Hypotheken- und Immobilienkrise war, zur globalen Finanzkatastrophe.

Die Rettung von Lehman hätte – so schätzt man – etwa 50 bis 60 Milliarden Dollar gekostet. Allein die US-Konjunkturhilfen, die verhindern sollten, dass die größte Volkswirtschaft der Welt in eine schwere Depression nach Vorbild der Dreißigerjahre schlitterte, kosteten mehr als das Zwanzigfache. Weltweit wurden für Bankenhilfspakete mehrere Billionen Dollar lockergemacht, die Arbeitslosigkeit explodierte ebenso wie die staatlichen Defizite.

Paulson, dem man dabei immer auch persönliche Motive unterstellte – er konnte Lehman-Boss Richard Fuld nicht leiden –, hat diesen Fehler selbst schnell erkannt. Nur 24 Stunden nach der Lehman-Insolvenz, so erzählte mir ein Berater seines britischen Amtskollegen, habe der ehemalige Goldman-Sachs-Chef angesichts der kollabierenden Wall Street erklärt, könnte er die Zeit zurückdrehen, dann würde er anders entscheiden. Konnte er aber nicht.

Aber vielleicht war das ja auch ein Glück

Denn erst die Finanzkrise hat ganz wesentliche Ungleichgewichte und versteckte Gefahren in unserem globalen Wirtschaftssystem aufgedeckt. Billionen Dollar praktisch wertloser Risikopapiere schlummerten in den Bankbilanzen, mit lächerlichem Eigenkapital wurden irrwitzige Derivativgeschäfte getätigt. Teilweise kamen auf einen Dollar eigenes Geld hundert Dollar Fremdkapital. Durch den Lehman-Schock kamen diese Dinge erst wirklich ans Tageslicht.

Wäre das Desaster nicht so groß gewesen, hätte man sicherlich versucht zu vertuschen, weiterzuwursteln, abzuwiegeln. Und nach einer kurzen Schrecksekunde wären die Geschäfte in alter Manier wieder aufgenommen worden – vermutlich noch riskanter und noch verantwortungsloser.

Die dringend notwendige Diskussion über eine bessere Banken- und Börsenaufsicht, über absurde Managergehälter und über die gefährlich dominante Rolle der Finanzbranche in der Weltwirtschaft wäre sicherlich nicht geführt worden. Dank Paulson musste sie geführt werden. Und nicht zuletzt ist uns auch das ganze Thema der überbordenden Staatsverschuldung – Stichwort Griechenland – erst durch die Nachbeben der Bankenkrise wirklich bewusst geworden. Und auch hier gilt: Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte man unter der Akropolis so weitergewirtschaftet wie bisher.

Möglicherweise sind wir also an der wirklichen Katastrophe nur darum vorbeigeschrammt, weil der Finanzkollaps in diesem Stadium und zu diesem Zeitpunkt gerade noch zu bewältigen war. Zehn Jahre später hätte unser Wirtschaftssystem einen solchen Zusammenbruch vielleicht gar nicht mehr überstanden. Und so war der kapitale Fehler von Henry Paulson eigentlich noch ein Glück. Und auch wenn Friedrich Torbergs Tante Jolesch beschwor, Gott solle einen behüten vor allem, was noch ein Glück ist: Wir wollen der Finanzkrise trotzdem ganz artig zum zweiten Geburtstag gratulieren.

- Stephan Klasmann

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