Stephan Klasmanns "querformat":
… und mir ist auch schon ganz schlecht!

"Nach dem Rinderwahn war die Schweinegrippe nur eine Frage der Zeit."

Ja, es ist wirklich zum Fürchten! „Killergrippe erreicht Österreich“, schockierte uns vergangene Woche der Boulevard. Ein erster „wahrscheinlich positiver Befund“ in Wien, und schon vier (in Ziffern: 4!!!!) weitere Verdachtsfälle bei Mexikourlaubern. Täglich seitenlange Horrorberichte in den Zeitungen, stundenlange Berichterstattung im Fernsehen über Sinn und Unsinn von Mundschutz, erregte Reporter vor Krankenhäusern, in denen streng isoliert Verdachtsfälle behandelt werden, maximale Pandemiewarnstufe in greifbarer Nähe, Umsatzexplosion bei Tamiflu-Hersteller Roche. Und beschwichtigende Politiker, die heldenhaft bekennen: „Wir haben das Virus unter Kontrolle.“

Ja, es ist wirklich zum Fürchten! Nämlich, wie aus dem Nichts heraus eine Angst geschürt werden kann, die jeder Grundlage entbehrt, insbesondere jener eines gefährlichen Krankheitserregers. Sie glauben das nicht? Rechnen Sie nach: In den vergangenen Wochen (Plural!) sind im Großraum Mexico City, dem hygienisch katastrophalen Epizentrum der „Killergrippe“, mit konservativ geschätzt 20 Millionen Einwohnern in Summe 586 Erkrankungen mit dem H1N1-Virus aufgetreten, von denen 22 Fälle tödlich verlaufen sind. Auf eine Stadt wie Wien umgerechnet bedeutet das rund 45 Erkrankungen mit zwei Todesopfern. Zugegeben: Dumm gelaufen für die beiden. Aber was soll’s – selbst die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist höher, von Lawinen- oder gar Verkehrstoten ganz zu schweigen.

Die Unverhältnismäßigkeit der Erregung lässt sich noch anhand einer ganz anderen Bedrohung deutlich machen: nämlich der Grippe. Nicht der brandgefährlichen „Killer-Schweine-Grippe“, sondern der ganz ordinären Influenza. Bei der jährlichen Epidemie – das Virus mutiert stets vor sich hin und ist dann mehr oder weniger letal – kommen allein in Wien zwischen 200 und 500 Menschen ums Leben. 2002 gab es in Deutschland laut Robert-Koch-Institut zwischen 16.000 und 20.000 Influenza-Tote. Denen stehen bislang zehn Schweinegrippe-Erkrankungen gegenüber, die allesamt glimpflich verlaufen sind. Zum Vergleich: Am Höhepunkt der Grippewelle im Februar 2007 gab es in Wien laut Universitätsinstitut für Virologie 17.100 Neuansteckungen – in einer einzigen Woche, wohlgemerkt.

Doch Panikmache mit Seuchen hat Tradition. Es ist gerade zehn Jahre her, dass man uns das Aussterben der menschlichen Rasse durch BSE in Aussicht gestellt hat. Vom Rinderwahn gezeichnet, würden wir zuckend und mit Schaum vor dem Mund unserem Ende entgegentaumeln. Vor allem den Briten wurde baldige Entvölkerung durch die von BSE ausgelöste Creutzfeldt-Jakob-Krankheit prophezeit. Tatsächlich sterben derzeit in Großbritannien jährlich rund zehn Personen an CJK. Auch SARS und Vogelgrippe sind, was ihr Potenzial zur Befreiung des Erdballs von der Spezies Mensch betrifft, weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. SARS forderte laut WHO weltweit 917 Opfer bei insgesamt 8.422 Infektionen, für die Vogelgrippe weist die Weltgesundheitsorganisation 257 Tote bei 421 Erkrankungen aus. Verglichen damit ist wahrscheinlich sogar Golfspielen noch ein Risikosport. Und während uns Fernsehen, Zeitungen und Magazine tagelang und quadratmeterweise mit Killer-Grippe-Panik zumüllen, scheint es mir, als litten wir unter einer ganz anderen sich rasant verbreitenden Krankheit – fortschreitender Demenz.

klasmann.stephan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten