Stephan Klasmanns "querformat":
2008 - das Jahr der Superlative

"40 Jahre Betrugserfahrung - auch ein Rekord!"

Was für ein Finale, was für ein Paukenschlag! Es ist, als ob sich der ganze Irrsinn des abgelaufenen Börsenjahres in einem einzigen symbolischen Drama noch einmal kristallisieren wollte. Der 50-Milliarden-Dollar-Betrug des Bernard Madoff ist ein wahrlich würdiger Schlusspunkt unter ein an Ereignissen nicht gerade armes Jahr. Tatsächlich treffen in dieser Affäre die drei wichtigsten, für 2008 charakteristischen Merkmale zusammen. Erstens: Das Unvorstellbare wurde Realität. Bear Sterns: pleite. Lehman: pleite. Merrill Lynch: übernommen. AIG, die weltgrößte Versicherung: von den USA, der Hüterin des Kapitalismus, ebenso verstaatlicht wie die Hypo-Riesen Fannie Mae und Freddie Mac. Die globale Autoindustrie: in der schwersten Krise seit 1929, GM und Chrysler vor der Insolvenz. Ex-Börsechef Madoff: nach 40 Jahren als Betrüger entlarvt.

Merkmal zwei: die Entzauberung von Gurus und Experten. Neben den unzähligen Fehlprognosen unzähliger Fachleutezu Ölpreis, Dollarkurs und Konjunktur ist der Image-Absturz von Ex-Fed-Chef Alan Greenspan wohl am eindrucksvollsten. Bis zum Ende seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Amtszeit wurde der schweigsame Herr mit der markanten Eulenbrille als Schutzheiliger der Finanz- und Wirtschaftswelt verehrt. Nun gilt der ehemalige Währungshüter als böser Bube sowie als Hauptverursacher der Subprime- und – als deren Folge – der aktuellen Finanzkrise. Auch Bernard Madoff, Mitgründer der US-Technologiebörse NASDAQ und deren erster Präsident, war von untadeligem Ruf. Großbanken wie Santander und Nomura vertrauten dem rüstigen Alten mit 40 Jahren Berufs-, genauer gesagt: Betrugserfahrung Milliarden an. Doch hinter der Maske des gütigen Sendboten stabiler Renditen verbarg sich der größte Wirtschaftsbetrüger aller Zeiten. Hätten Sie diesen Plot bei einer Filmproduktion vorgeschlagen – man hätte Sie wegen peinlicher Übertreibung vor die Tür gesetzt.

Das dritte Merkmal, das uns durch 2008 begleitet hat, waren Rekorde und historische Extremwerte. Alles, was heuer geschah, war XXXL. Ölpreis über 147, Gold weit über 1.000 Dollar. Größte Tagesgewinne aller Zeiten wechselten mit größten Tagesverlusten. 300 Milliarden Dollar für die Rettung der Hypobanken Fannie Mae und Freddie Mac. 200 Milliarden Dollar Abschreibungen bei Bear Sterns. 700-Milliarden-Dollar-Bankenhilfspaket in den USA, 200-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket in der EU. Selbst das heimische Bankenpaket ist mit 100 Milliarden Euro, gemessen an der österreichischen Wirtschaftsleistung, einfach gigantisch.

Und jetzt Madoff. Zu Jahresbeginn glaubten wir noch, der französische Aktienhändler Jérôme Kerviel habe mit 4,9 Milliarden Euro Verlust durch illegale Spekulationen eine neue, praktisch unvorstellbare Dimension des Betrugs erschlossen. Heute wissen wir: Er war ein Schulbub im Vergleich zu Madoff und seinem 50-Milliarden-Dollar-Ding. Doch immerhin – eine beruhigende Konstante ist uns 2008 geblieben. Ein altes Klischee hat seine Gültigkeit in beeindruckender Weise bestätigt: Die USA sind unbestritten das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das gilt eben auch für Pleiten, für Betrug und für Präsidentschaftswahlen. Prosit Neujahr!

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