querformat: Stephan Klasmann
Der letzte Tag der Menschheit

"Der Wahlsieger erweist sich stets als demütiger Gewinner"

Ein Saal voller Menschen. Eigentlich geht alles ganz friedlich zu, als plötzlich auf Kommando frenetischer Jubel ausbricht. Es wird geklatscht, geschrien, gepfiffen – gekünstelte Ausgelassenheit erfasst die Menge, als hätte jemand gerade Super Bowl, America’s Cup und die olympische Abfahrt gleichzeitig gewonnen.
Der tatsächliche Anlass für die überzogene Gemütsaufwallung ist freilich viel bescheidener. Ein ORF-Reporter hat sich – auf der obligatorischen Videowand gut zu beobachten – den Weg zum Spitzenkandidaten einer Partei freigekämpft und ist im Begriff, ihm ein paar Fragen zu stellen. Drei-, viermal muss der bedauernswerte Kollege ansetzen, ehe der (die) große Vorsitzende – welcher Partei auch immer – großmütig die Meute beschwichtigt und zu antworten geruht. Stets natürlich unterbrochen durch völlig spontanen Jubel der euphorisierten Massen.

Die Szene könnte aus „Die letzten Tage der Menschheit“ stammen, wiederholt sich jedoch alle paar Jahre aus weit weniger kulturell hochstehendem Anlass: Es ist Wahlabend, und eben wurde das vorläufige Ergebnis des Urnengangs verkündet. Das Ritual ist in quälender Weise immer das gleiche, und der Jubel ist keineswegs Maßstab für den Erfolg des jeweiligen Politikers.
So desaströs kann eine Partei gar nicht verloren haben, als dass nicht bei Annäherung einer Fernsehkamera an den Spitzenkandidaten von den versammelten Parteifunktionären Freudentaumel gemimt würden. Realität und Anschein sind hier oft astronomisch weit entfernte Antagonisten.
Das ist bei den Antworten der Politiker freilich nicht anders, weshalb hier einige der üblichen Wahlabendphrasen in ihre wahre Bedeutung übersetzt werden sollen. Der Wahlsieger erweist sich stets als demütiger Gewinner und weiß, was sich gehört: „Ich möchte mich als Allererstes bei den Hunderttausenden Wählern und Wählerinnen bedanken, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben.“ Tatsächlich denkt er gerade: „Es ist schon erstaunlich, dass es so viele Idioten gibt, die unsere ohnehin nicht einlösbaren Wahlversprechen geglaubt haben.“ Weiter geht es mit der unvermeidbaren Frage nach Koalitionsverhandlungen und der unvermeidlichen Antwort: „Wir werden mit allen Parteien Gespräche führen, mit denen eine Zusammenarbeit möglich erscheint.“ Das bedeutet: „Die enttäuschten Gfrießer von den anderen Parteien schau ich mir gerne an. Denen zeig ich jetzt, wo der Hammer hängt.“ Bis wann er glaube, dass eine Regierung gebildet wird? „Ich bin für eine rasche Regierungsbildung, denn wir sind aufgerufen, mit vollem Einsatz für Österreich und seine Bürger zu arbeiten. Aber der Verhandlungserfolg hängt vom künftigen Partner ab.“ De facto ist damit gemeint: „Ist mir ganz wurscht, Hauptsache ich bin am Ende Kanzler.“

Beim Wahlverlierer sind die Phrasen etwas andere. Erstens gibt es keine wirklichen Wahlverlierer, denn irgendwo, und sei es bei den 35- bis 40-jährigen Diplomingenieuren im Bezirk Zwettl, konnte man imposant um über 20 Prozent zulegen. Zweitens liegt das schwache Abschneiden bloß an der geringen Wahlbeteiligung. Das hört sich dann so an: „Leider ist es uns nicht gelungen, die Bürger zu mobilisieren“, und meint: „Die trägen Trotteln sind sogar zu faul gewesen, um mir den Ministerposten zu erhalten.“ Mehr könne man jetzt nicht sagen, da das Wahlergebnis genau analysiert werden müsse. Am Ende folgt dann stets noch die Frage an den Wahlverlierer nach persönlichen Konsequenzen. Die Antwort: „Das werden wir in den nächsten Tagen in den Gremien entscheiden, ob ich weitermache oder nicht.“ Der tiefere Sinn: „Wenn mir meine Parteifreunderln einen ordentlichen Job in der E-Wirtschaft oder bei der Asfinag beschaffen, dann bin ich gleich weg. Sonst setze ich ihnen das Messer an und drohe damit, zu bleiben.“ Das ist eben echter FORMAT-Service: Mit dem Lesen dieser Zeilen haben Sie sich einen langen und langweiligen Wahlabend erspart. Und zu guter Letzt verraten wir sogar noch, wer – egal wie der Urnengang endet – an den nachfolgenden Komplikationen und lähmenden Koalitionsgesprächen schuld ist: die Wähler. Also Sie! Sie sind schuld!

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