querformat: Stephan Klasmann
Das Fünf-Billionen-Dollar-Märchen

"Eine Verstaatlichung rettet das Eldorado des neoliberalen Kapitals"

Es ist schwer, die Dimensionen anschaulich zu machen, um die es hier geht. Die Rettungsaktion der US-Regierung für die angeschlagenen Immobilienriesen Fannie Mae und Freddie Mac ist historisch einmalig. Finanzielle Großaktionen wie das European Recovery Program – besser bekannt als Marshallplan – verkümmern dagegen zur Lappalie. Rund 200 Milliarden Dollar könnten die Verstaatlichungen der Hypothekenbanken die amerikanischen Steuerzahler kosten, die in Summe für ausstehende Kredite in Höhe von mehr als fünf Billionen Dollar haften. Das ist ein Mehrfaches der österreichischen Wirtschaftsleistung, aber auch darunter kann man sich kaum etwas vorstellen.
Also versuchen wir es anders. Sie kaufen sich einen Rolls-Royce Phantom – Kostenpunkt 500.000 Euro – und rasen mit 250 km/h Höchstgeschwindigkeit ohne Pause Tag und Nacht bei einem Spritverbrauch von gut 50 Litern rund um den Globus. Alle 200.000 Kilometer bekommen Sie einen neuen Wagen. Reifen und Service wollen wir vernachlässigen. Nach 5,7 Millionen Limousinen wäre das Geld endlich verbraucht. Wenn Sie heute mit dieser Übung fertig sein wollten, dann hätten Sie vor 521.000 Jahren starten müssen. Da hätte Ihnen Homo erectus in der afrikanischen Savanne noch fröhlich zugewinkt, der Pekingmensch wäre beim Ölwechsel behilflich gewesen, und in Zeiten des Neandertalers hätten Sie schon ganz schön alt ausgesehen.
Aber wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Ganz einfach. Fannie und Freddie spielten am Strand und bauten eine Sandburg. Das gefiel ihnen. Da sahen sie einige Jogger und fürchteten, die könnten ihnen die schöne Sandburg kaputt machen, und so beschlossen sie, noch viele andere Sandburgen zu bauen, denn alle könnten die doofen Fitness-Junkies ja nicht zerstören. So bauten sie ganz, ganz viele Sandburgen und freuten sich ihrer. Und um wirklich sicherzugehen, dass ihnen die Jogger niemals alle Sandburgen zusammentreten würden, fragen sie die als besonders klug bekannten Verwandten Tante Standard und Onkel Poor und auch den Vetter Moody, und alle versicherten, ihren Burgen würden nichts passieren. Natürlich – ein paar würden wohl niedergetreten werden, aber Hunderte, ja sogar Tausende würden die Vandalen sicher überdauern.
Und dann kam ein Tsunami und schwemmte alle Sandburgen auf einmal weg. Da weinten Fannie und Freddie gar sehr, und die klugen Verwandten kratzten sich am Kopf und meinten entrüstet: „Unerhört, einen Tsunami hat es hier noch nie gegeben.“ Aber einmal ist eben das erste Mal. Das wissen heute schon die meisten 15- und 16-Jährigen. Und hätten Fannie und Freddie Versicherungswirtschaft studiert, dann wüssten sie, dass viele Sandburgen am selben Strand keine Diversifizierung sind, sondern ein Klumpenrisiko. Das hatten sie aber nicht studiert, und darum waren sie ganz traurig. Weil aber Märchen immer ein Happy End haben, kam schließlich der mächtige Papa Paulson des Weges und erbarmte sich der jammernden Bälger. „Weinet nicht, ihr jungen Toren, ich werde alles Volk zusammenrufen, auf dass es gemeinsam eure hübschen Burgen wieder ersetzt.“
So einfach ist das. Und darum zahlen jetzt die US-Bürger die Milliardenzeche dafür, dass hoch gelobte Ratingagenturen und Banker nicht wissen, wie man Risiken einschätzt. Und darum muss im Musterland des privaten Kapitals und der liberalisierten Finanzströme eine Verstaatlichung die Nation vor dem wirtschaftlichen Kollaps retten. Karl Marx hält sich auf Wolke sieben den Bauch vor Lachen.

klasmann.stephan@format.at

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