querformat: Stephan Klasmann

Die wahren Gefahren werden von Politikern gar nicht erst erkannt.

Die gefährlichsten Bedrohungen sind diejenigen, von denen man nichts weiß. Eine ganze Legion von Filmregisseuren nutzte den Gegensatz zwischen einem arglosen Opfer und dem sich anpirschenden Unhold für Adrenalinschübe beim Publikum – sei es die hübsche Lady hinter dem Duschvorhang in „Psycho“ oder das dahinplantschende Bikinimädchen in „Der Weiße Hai“.
Doch was im Kino für angenehmes Gruseln sorgt, will man im Alltag nicht erleben. Es ist daher stets ein gutes Gefühl, wenn es jemanden gibt, der ein Auge auf uns hat und der sich darum sorgt, dass uns kein Leid geschieht. Dieser Rolle versuchen derzeit auch die diversen wahlkämpfenden Parteien gerecht zu werden. Sie warnen uns eindringlich vor Gefahren und bieten zugleich auch noch an, uns heldenhaft vor ihnen zu schützen. Der SPÖ ist beispielsweise die drohende Volksverarmung durch galoppierende Inflation eine tiefe Kümmernis, über die sie uns mit Steuersenkungen, Abschaffung von Studiengebühren und Pflegepaket hinweghelfen möchte. Die ÖVP dagegen will uns sehr ehrenwert vor dem drohenden Staatsbankrott bewahren, der unweigerlich durch Steuersenkungen, Abschaffung der Studiengebühren und so fort droht. FPÖ und BZÖ retten die Nation in etwa vor denselben Gefahren, verkörpert durch uns überfremdende Zuwanderer sowie die große Koalition. Die Grünen kämpfen gegen Transitlawine, Erderwärmung, Gletscherschwund und das Aussterben des Karawankenbären. Rettet Österreich rettet uns möglicherweise sogar vor sich selbst.
Aber – und hier zeigt sich wieder das Versagen der Politik – die wahren Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, werden von den Parteichefs entweder gar nicht erst erkannt oder arglistig verschwiegen. Zum Beispiel die Vampire. Wussten Sie, dass ausgerechnet im grünen Herzen Österreichs, in der Steiermark, die Blutsauger unerbittlich auf dem Vormarsch sind? Der Jahresbericht 2008 des Sektenexperten Roman Schweidlenka hat uns die Augen geöffnet. Von Deutschland über Wien verbreitet sich das Trinken von Menschenblut unter unserer Jugend. Schuld daran sind freilich nicht die hohen Lebensmittelpreise, die unsere darbenden Kinder zur Selbsthilfe greifen lassen. Es ist, so der Bericht, einfach Mode und Gesellschaftsspiel. „Vorläufig“, beruhigt uns der Experte, ist es nur „eine Randszene, die sich als echte Vampire sehen und auch Menschenblut trinken“. Aber was, wenn es mehr werden? Wie wird uns die nächste Regierung vor nahrhaftem Blutzoll in U-Bahn oder Fußballstadion schützen? Doch das ist nicht die einzige Gefahr, der wir durch unseren Nachwuchs ausgesetzt sind. „Auch der Power-Satanismus darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden“, warnt der Sozialwissenschaftler, „denn dessen Verbindung zu rechtsextremen und neonazistischen Ideologien hat sich weiter verfestigt.“ So ein kleines Opferritual unterm Hakenkreuz gibt unserer Jugend eben neuen Lebensmut.
Angesichts dieser Risiken relativiert sich der Wahlkampf zur Banalität. Deutsch-Pflicht für Ausländer? Als ob es nicht egal wäre, ob unser Blut in bilinguale Kehlen fließt. Studiengebühren? Was interessiert es das Menschenopfer, ob die Aorta vom talentierten Jungmediziner eröffnet wird. Nein! Mit herkömmlichen Methoden wird man dieser Nosferatu-Brut nicht Herr. Was es braucht, ist eine neue Partei, die sich mit einem strengen Programm endlich unserer wahren Probleme annimmt: obligatorisches Zähneziehen für Ersttäter, Verbot der Operette „Wiener Blut“ wegen Anstiftung zum Vampirismus und Gratisknoblauch für alle. Unterstützungserklärungen an folgende E-Mail-Adresse:
klasmann.stephan@format.at

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