Sorry, die Frauenquote muss kommen

Sorry, die Frauenquote muss kommen

Die Gegner eines verpflichtenden Anteils von Frauen in der Chefetage verbarrikadieren sich hinter seltsamen Argumenten.

Nein, es braucht keine Frauenquote, Männer werden weiterhin die Hauptrolle spielen – das sagte vor kurzem der Chef der ZDF-Werbung in Bezug auf die lustigen „Mainzelmännchen“, die vor den Werbeblöcken über den Bildschirm hüpfen. Auch in Österreich gibt es eine Debatte um die Frauenquote, doch sie wird ungleich verbissener geführt. Nachdem Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek eine verpflichtende Quote auch für die Privatwirtschaft gefordert hatte, wurde sie erwartungsgemäß von einer Armada aus Wirtschaftsminister, FPÖ, BZÖ, Kammer, IV, Wirtschaftsbund und sonstigen Experten niedergemacht. Sie alle können aus einer Fülle an schlagkräftigen Argumenten schöpfen, meistens werden die folgenden verwendet:

Argumente der Quotengegner

Frauen selbst wären gegen die Quote, vor allem jene Frauen, die es schon „geschafft“ haben, auf einem Vorstands- oder Aufsichtsratsstuhl zu sitzen. Die Quote sei ein unzulässiger Eingriff des Staates in die freie Marktwirtschaft („planwirtschaftliche Volksbeglückung im Kastenwesen“ nennt es der deutsche Unternehmensberater Reinhard Sprenger in einem Kommentar für die Welt). Leistung würde dann weniger zählen als das Geschlecht. Quoten würde vielen Frauen, etwa Alleinerzieherinnen mit Teilzeitjobs, gar nichts bringen.

Schwache Argumente der Befürworter?

Was die Verfechter der Frauenquote anführen, ist dagegen vergleichsweise überschaubar: Frauen hätten sonst nie eine Chance auf Gleichbehandlung in Unternehmen, zumal wenn es um Spitzenposition geht. Ein höherer Anteil an Frauen mache Unternehmen wettbewerbsfähiger (dazu gibt es irgendwelche Studien). Die Frauenquote soll generell die Familienfreundlichkeit in Unternehmen heben.

Diese Argumente sind natürlich gegen die beiden stärksten Waffen der Quotengegner nahezu lächerlich: Freie Marktwirtschaft statt dirigistische Eingriffe! Die Frauen – zumindest die tüchtigen - wollen es selbst gar nicht! Damit kann jede Diskussion abgewürgt werden, zumal die Umsetzung einer Frauenquote in der Praxis nicht einfach sein würde, etwa in Wirtschaftsbereichen, wo es für manche Jobs einfach zu wenig Frauen gibt. Die Quote soll dennoch kommen. In der EU soll es ab Herbst einen fixen Frauenanteil in Vorständen bzw. in Aufsichtsräten geben; für Österreich drängt Heinisch-Hosek auf eine ähnliche Regelung und auf verpflichtende Frauenförderpläne.

Was darf, was soll der Staat?

Und das ist richtig so. Wer in dem Zusammenhang staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft beklagt, hat das fadenscheinigste Argument überhaupt herangezogen. Natürlich hat der Staat die Verpflichtung, in die Wirtschaft „einzugreifen“, wenn es um fundamentale Themen wie Gleichheit und Gleichberechtigung geht. Und wenn gesellschaftliche Wirklichkeit nicht umgesetzt wird, gilt das gleich doppelt: Wer würde behaupten, dass Frauen in den westlichen Industriestaaten eine untergeordnete Rolle spielen? Eben. Weshalb sollte dann nicht versucht werden, Unternehmen mit etwas Druck auch dazu zu bringen, diese Realität anzuerkennen? Und das ist auf der Chef(innen)ebene derzeit am einfachsten zu exekutieren.

Zweitens: Rahmenbedingungen, unter denen Leistung stattfindet, schmälern nicht die Leistung selbst. Weshalb sollten Frauenquoten verhindern, dass tüchtige Frauen in den Vorstand und in den Aufsichtsrat kommen? Oder sind alle weiblichen Mitarbeiter eines Unternehmens bisher nur deshalb aufgenommen worden, weil sie Frauen sind? Es kann doch niemand ernsthaft behaupten, ein Unternehmen müsse auf hochqualifizierte, hochmotivierte, perfekte Männer als Führungskräfte verzichten, weil es fortan auch Frauen nehmen muss? Es gibt in beinahe allen großen Unternehmen ausreichend weibliches Führungspotenzial, das aus unterschiedlichen Gründen bisher nicht genutzt wird. Fähigkeit oder Unfähigkeit im Management ist männlich UND weiblich.

Lieber eine Revolution von unten?

Drittens –und jetzt wird es heikel: Frauenquoten sollen nach Ansicht der Gegner weniger für die Gleichbehandlung der Frau am Arbeitsplatz bringen als etwa der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen oder Mindestlöhne für „typische Frauenberufe“. Doch die Verfechter einer Quote wollen diese ja nicht etablieren, um irgendwelche feministische Träume zu verwirklichen, sondern um Umstände und Chancen für Frauen in der Wirtschaft zu verbessern. Es soll signalisiert werden, dass die Wirtschaft nicht ausschließlich männlich ist, ebenso wie die Familie nicht ausschließlich weiblich ist. Eine Quote könnte Anlass dafür geben, in vielen Bereichen zu einer Änderung der Einstellungen anzustoßen – etwa im Vorurteil, dass Teilzeitkräfte (männliche und weibliche) keine Führungsfunktion haben dürfen. Oder dass nur Mütter, nicht aber Väter für Betreuung der Kinder verantwortlich sind. Eine Quote schafft Realitäten in Unternehmen, die sich bisher der Realität verweigert haben – siehe Chefetagen (auch jene der Redaktionen übrigens).

Sicher: Mainzelmännchen brauchen keine Quote – sie sind ohnehin nicht mehr zeitgemäß. Alle anderen sollten zumindest ernsthaft darüber nachdenken, statt sich hinter Schlagworten wie „freie Marktwirtschaft!“ zu verbarrikadieren.

Robert Prazak

Dem Autor auf Twitter folgen:

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten