Soll man die historische Schuld kleinreden?

Soll man die historische Schuld kleinreden?

1914 - 100 Jahre nach Sarajevo, kommt man zur Erkenntnis, dass die Habsburger für ihre Untertanen kein Reich des Friedens angestrebt haben. Eher das Gegenteil.

Alle großen Ereignisse der Weltgeschichte haben es in sich, zu Legenden zu werden; die einen geraten zu gutmütigen Märchen, andere bieten Stoff für viel Heldenblut.

Einfache Familiengeschichten sind hingegen - über Generationen hinweg - oft die glaubwürdigsten Erinnerungen für Millionen von Menschen. Gute Geschichtsschreibung ist, so der Historiker Golo Mann, vor allem eine "literarische Kunst“. Richtig! Die "Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus oder Joseph Roths "Radetzkymarsch“ sind wohl "wahrhaftiger“ als der Wust von politischen Akten ganzer Staatskanzleien. Umso mehr, als gerade die Österreicher dazu neigen, Geschichten für Geschichte auszugeben. Man beginnt mit dem Nibelungenlied und endet mit dem Drama von Sarajevo.

Was die Habsburger betrifft, darf man ihre Spuren in der Welt vielfach als Ergebnis charmanter Erfolglosigkeit bewerten - bis hin zu geradezu übler Lüsternheit nach Gewalt und Krieg. Der zum römisch-deutschen Kaiser gewählte erzkatholische Rudolf I. setzte in der Schlacht auf dem Marchfeld 1276 kaltblütig eine Art Tötungskommando ein, das den Böhmenkönig Ottokar nach Ende des Kampfes - also hinterrücks und auf der Flucht - ermordete. Und war diese Art von "List“ schon durch das Ritual der Ritterehre höchst verpönt, verfälschte sie der habsburgische Schönschreiber und österreichische Nationaldichter Franz Grillparzer noch zusätzlich.

Zu Fundamenten der Herrschaft der schweizerischen Habsburger in Österreich wurde in der Folge das "Privilegium minus“ und das "Privilegium majus“ - beide Gründungsdokumente unverschämte Fälschungen. Ohne sie wären die Habsburger im Römisch-Deutschen Reich wohl weder zu ihren Erzherzogtiteln gekommen, noch hätten sie erfundene Erbrechte realisiert. Dabei kam es zu Streitereien innerhalb der Familiensippe, zu Raubrittererei und Religionswirren. Die Kriege der Habsburger gegen die Schweizer Bauern waren ebenso üble Massaker wie die Kämpfe gegen die Anhänger des Frühprotestanten Jan Hus, der in Konstanz verbrannt wurde. In Wien ermordete man im Jahr 1420/21 gut 200 Juden in ihrer Synagoge auf dem Judenplatz sowie in Erdberg.

Nun erfand in diesen bewegten Zeiten ein humanistischer Habsburg-Propagandist einen Werbeslogan, der bis heute in der Welt seinen Weg nahm: "Bella gerant alii, tu felix Austria nube“ (Andere mögen Kriege führen, du glückliches Österreich heirate). Ein Zitat, das der aus dem sogenannten "Vorderösterreich“ gebürtige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble erst vor zwei Wochen missbilligend in den Mund nahm, um Österreichs neuen Finanzminister zu tadeln. Dabei weiß man mittlerweile, dass die Habsburger auch diesen Werbeslogan gestohlen hatten. Heißt es doch beim lateinischen Dichter Ovid gleichlautend: "Bella garant allii, Protesilaos amet“. (Letzterer war ein trojanischer Held mit unaussprechlichem Namen, den die Götter zum Liebeszwang verpflichtet hatten).

Auch das Zeichen AEIOU, das Kaiser Friedrich III. überall anbringen ließ, war im Grunde ein aggressives Symbol. Bedeutete es doch (wahrscheinlich): Alles Erdreich ist Österreich untertan - oder: Auf Erden ist Österreich unsterblich.

Das Kriegführen wurde jedenfalls zum Hauptgeschäft vieler Habsburger und es entstanden "Erbfeindschaften“. Die Kaiserlichen griffen die Franzosen wiederholt an, vor allem in Oberitalien; im "Sacco di Roma“ verwüsteten deutsche Söldner die Ewige Stadt; nach der Heirat der Erbin des reichen Herzogtums Burgunds - Maria - mit dem "letzten Ritter“ Maximilian, musste dieser zuerst einmal die Aufstände des niederländischen Adels blutig niederkämpfen. Hingegen hatten die Habsburger den serbischen Christen nicht geholfen, als diese auf dem Amselfeld von den islamischen Türken niedergemetzelt wurden. Prompt standen die Türken 1529 vor Wien. Ein Krieg löste den nächsten ab; aber "felix Austria“ war so gut wie immer dabei. Und half mit bei der wechselweisen Ausrottung von Katholiken und Protestanten.

Ihren schlechten Ruf - und das bis heute - erwarben sich die spanischen Habsburger, als die Conquistatoren in deren Auftrag nach Mexico und Peru segelten - ohne aber ähnliche Kolonialreiche aufzubauen wie Portugiesen, Briten, Franzosen, Holländer. So blieb der Doppeladler im östlichen Mittelmeer "eingesperrt“, die österreichischen Kronländer landverbunden.

In der Epoche der Aufklärung entwickelten sich dann viel zu langsam zivile Bildungseinrichtungen, man hinkte der technischen Mechanisierung nach, die Modernisierung lahmte. Hätte aber - so ist heute nachzufragen - nicht die Möglichkeit bestanden, in einer großen Kraftanstrengung sowohl die Türken wie die christlichen Balkanvölker an das entwickelte Europa heranzuführen? Unter den Klängen der Janitscharenmusik Mozarts machte nur Kaiser Josef II. den Versuch einer Annäherung an den Serail - bis er ins Gegenteil verfiel und sich von der russischen Zarin zum Krieg gegen die Türken anstacheln ließ. Warum blieb es bei so wenig Verknüpfungen Wiens mit den ehrgeizigen Gebildeten vom Balkan - für die Wien ja schon aus geographischen Gründen Metropole war; und warum eiferten die orthodoxen Kirchen so sehr gegeneinander?

Nun, man hatte auf österreichischer Seite im Laufe der Jahrhunderte zwischen Adria und Siebenbürgen mit der "Militärgrenze“ eine mehr als 1.500 Kilometer lange Befestigungsanlage errichtet, die aber nicht als offenes Verbindungselement zwischen dem Donauraum und dem Balkan vorgedacht war, sondern als gefährliche Absperrung, hinter der man noch im 19. Jahrhundert Verurteilte pfählte. Hass war zur Droge der Region geworden. Und blieb es.

Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts waren es dann Politiker, Diplomaten und Militärs Österreich-Ungarns, die die historische AEIOU-Politik der Alt-Habsburger nicht nur fortsetzten, sondern auch noch durch aggressive Bewaffnung stärkten. Man okkupierte die einst türkischen Provinzen und setzte in zwei Balkankriegen die Serben unter Druck.

Das österreichische Schlüsselwort lautete "Präventivkrieg“ und ging von der lächerlichen Annahme aus, dass andernfalls rund drei Millionen Serben das 52-Millionen-Imperium der K.-und-K.-Monarchie angreifen würden. Man müsste sich daher vorbeugend wehren und zugleich gegen die "Unruhezentren“ vorgehen - also gegen Russland und Italien. "Man“ - das war das Staatsoberhaupt Kaiser Franz Josef, Außenminister Leopold Graf Berchtold, Generalstabschef Conrad von Hötzendorf sowie der weit überwiegende Teil des Adels und des Offizierskorps; für Karl Kraus allesamt "Operettenfiguren, die die Tragödie der Menschheit spielten“.

Thronfolger Franz Ferdinand war vor hundert Jahren anderer Meinung. Ein Jahr vor seiner Ermordung sagte er: "Die einzige richtige Politik ist, die Balkanvölker ihre Sachen untereinander abmachen zu lassen … und zuzusehen. Im gegebenen Augenblick kann man dann zum Frieden helfen.“

Fazit: Das zivilisatorisch so entwickelte Haus Habsburg betrieb so gut wie nie in der Geschichte Österreichs eine systematische Friedenspolitik. Es führte permanent Krieg, immer und immer wieder. Wer kann also heute - 100 Jahre nach den Schüssen - die Ur- und Unschuld Österreichs am Kriegsausbruch kleinreden?

Die Frankfurter Allgemeine hat dazu bereits angesetzt: "Es war Österreich, das den Krieg wollte - nebst dem greisen Kaiser“. Und die "Welt“ definierte: Es waren "Tricksereien“ Österreich-Ungarns, um Deutschland in den Krieg zu ziehen.

Hans Magenschab, Der große Krieg, Verlag Tyrolia, Innsbruck und Wien, 39.95 Euro

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