"So haben wir die Welt gerettet": Meine
Rede als EU-Präsident im Jahr 2021

Meine Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre, heute, an diesem denkwürdigen, ja his­torischen Tag, hier in Algier sprechen zu können. Wer hätte das vor wenigen Jahren für möglich gehalten, dass heute Sie, verehrter Herr Ministerpräsident, und ich gemeinsam mit neun Staatsoberhäuptern der Arabischen Union ein solches Dokument unterzeichnen werden.

Lassen Sie mich deswegen einen kurzen historischen Streifzug machen, um den gewaltigen Wandel, in dem sich unsere Welt derzeit befindet, sichtbar zu machen. Ich möchte bei jenem Datum beginnen, an das sich wenige erinnern werden, den Dezember 2009. In Kopenhagen fand damals ein Klimagipfel statt. Seine Ergebnisse widerspiegelten die Lähmung der damaligen Zeit. Das, was die Regierungs­chefs damals als lauen Kompromiss aushandelten, wurde, wie wir heute wissen, von der Wirklichkeit völlig überholt.

Es war eine Zeit politischen Stillstands in einem Ausmaß, das wir uns heute kaum mehr vorstellen können. Gerade war eine große Finanzkrise dank der Übernahme ungeheurer finan­zieller Bürden der Staaten scheinbar überstanden. Zwar war überall versprochen worden, „so etwas“ werde man in Zukunft verhindern – passiert ist gar nichts. Im Gegenteil: Das billige Geld, das Nationalbanken und Staaten in die Wirtschaft gepumpt hatten, wurde sorglos von ebendenen, die die erste, die „kleine“ Finanzkrise verursacht hatten, zum Aufbau riesiger neuer Blasen verwendet. Wieder wurde gezockt, als gäbe es kein Morgen, die Staaten hatten riesige Schuldenberge angehäuft, und so schleppte sich die Wirtschaft dahin, bis das erste Wendejahr kam und der August 2012.
Der italienische Staat konnte eine Umschuldung nicht mehr finanzieren, seine Staatsanleihen fanden nicht genug Käufer, was dann passierte, wissen wir alle nur zu gut. Denn als hektisch versucht wurde, den dadurch ausgelösten Dominoeffekt abzubremsen und ein Streit darüber entbrannte, wer in den Klub der neuen europäischen Währung aufgenommen werden solle, als Massenproteste, Bankbesetzungen und hässliche Ausschreitungen über ­unsere Bildschirme flimmerten, platze am 17. Februar 2013 die Nachricht aus Dhahran: Revolution in Saudi-Arabien. Hier und heute ist nicht der Ort, das nachzuzeichnen, was dann passiert ist, die Explosion der Ölpreise, das Überschwappen der Revolution auf viele arabische Länder, der totale Zusammenbruch der Finanzmärkte, eine Weltwirtschaftskrise, von der wir zu Beginn glaubten, sie sei abgrundtief.

Es ist anders gekommen, auch dank Ihnen, Herr Ministerpräsident. Wir hatten völlig unterschätzt, wie schnell sich auch in der arabischen Welt die junge Generation dank neuer Medien organisieren kann, das Blutvergießen fand rasch ein Ende, und innerhalb weniger Monate gab es erste freie Wahlen in Saudi-Arabien. Bei uns in Europa rückten die Menschen zusammen. Wenige Wochen zuvor wäre unvorstellbar gewesen, was plötzlich normal war. Fast müssen wir uns dafür bedanken, dass die Befreier in Riad den späten Winter gewählt haben, wo bei uns der Frühling schon vor der Tür stand. Klarerweise führten Hamsterkäufe zu breiten Versorgungsengpässen, aber ganz rasch war eine breite Solidarität zu spüren. Fast so, als hätten die Leute darauf schon lange gewartet. In unseren Städten des Nordens kehrten nahezu nordafrikanische Sitten ein. Da Benzin äußerst knapp und extrem teuer war, oranisierten sich Menschen Mitfahrgelegenheiten aller Art. Blitzschnell wurden über mobile Geräte Transportangebote und Bedürfnisse abgeglichen, und schon saßen drei, vier Personen in einem Pkw, das zum Sammeltaxi mutiert war. Auf den Straßen wimmelte es vor Radfahrern und Fuß­gängern, und es dauerte auch gar nicht lange, bis erst auf mobilen Märkten Lebensmittel und Waren aller Art gehandelt wurden, und bald zogen in den leer stehenden Erdgeschoßzonen kleine Geschäfte ein. Kaum eine Freifläche, die nicht zum Garten mutierte.

Der große politische und wirtschaftliche Wendepunkt war dann der Gipfel von Riad im Winter 2013. Gebannt starrte die Welt in den Nahen Osten. Alle saßen an einem Tisch. Die arabischen und afrikanischen Ölproduzenten, Chinesen und Inder, Amerikaner und wir Europäer. Wenige Jahre vorher wäre es eine ökonomische Bombe gewesen, aber irgendwie waren alle darauf vorbereitet, was für Zahlen und Vorschläge der neu gewählte saudische Präsident auf den Tisch legte. Einerseits eröffnete er uns die Wahrheit über die Ölproduktion seines Landes. Die meisten seiner Ölfelder waren schon sehr alt, und trotz massiver technischer Raffinesse war es unausweichbar, dass die Förderung stagnieren würde und alsbald, wie schon Anfang des Jahrtausends in der Nordsee, zu sinken begänne. Und dann zeigte er uns Industrieländern unmissverständlich auf, dass es angesichts weltweit zwangsläufig sinkender Ölmengen zu einer gerechteren globalen Verteilung derselben kommen müsse. Bald war klar: Das war der Beginn einer völlig neuen Weltwirtschaftsordnung, deren Eckpunkte innerhalb eines Jahres ausgearbeitet werden mussten. Was dann folgte, kann man heute rückblickend nur als globale technische Revolution bezeichnen.

Denn was bislang, oft belächelt, ein Nischendasein gefristet hatte, breitete sich explosionsartig aus. Schauen wir uns an, was allein hier in Nordafrika innerhalb weniger Jahre möglich war. Riesige thermische Solaranlagen erzeugen ­jenen Strom, der schrittweise Ihre kalorischen Kraftwerke ersetzt hat und endlich auch jene Armen erreicht hat, die bisher im wahrsten Sinne des Wortes abseits lagen. Die Abwärme dieser Sonnenkraftwerke entsalzt Meerwasser, welches in die Wüstengebiete gepumpt wird, an denen hier kaum Mangel herrscht und wo mittels Tröpfchenbewässerung von Ölpalmen bis Bambus die wunderbarste Technologie der Energie-und Nahrungsgewinnung genutzt wird: die Foto­synthese, die Umwandlung von Licht in Biomasse. Bald werden die Reststoffe der Ölpalmen kompostiert werden können, und so wird mitten in der Wüste ­Humus entstehen. Diese neuen Agrarflächen haben noch eine ganz wesentliche Zusatzfunktion: Sie binden CO2 und helfen so, dem Treibhauseffekt entgegenzuwirken.

Oder schauen wir nach Europa: Nahezu ausnahmslos werden Häuser so gebaut, dass sie völlig ohne Fremdenergie auskommen. Perfekt isoliert, Fassaden und Dächer produzieren dezentral Strom. Die Technik dazu gab es zwar schon länger, sie kam aber kaum zur breiten Anwendung. Der unproduktive Streit „Energiepflanzen oder Lebensmittel“ wurde ganz simpel gelöst. Beides ist parallel möglich: Beim Getreideanbau kommen wieder Pflanzen zum Einsatz, die vermehrt Stroh produzieren, welches ebenso Energieträger wie chemischer Rohstoff ist. In den bisherigen Brachemonaten werden eigene Gräser und Pflanzen angebaut, die Stickstoff binden, die Bodenfruchtbarkeit erhöhen und einen zusätzlichen Rohstoff anbieten. Ja, und dann eine der ältesten „Technologien“, sie wurde in Hunderten Millionen Jahren perfektioniert: die Algen. Auch sie werden jetzt weltweit auf wüstenartigen Flächen hergestellt und liefern Öl sowie andere biogene Grundstoffe, die – als Übergangstechnologie – in ehemaligen Kohlekraftwerken verfeuert werden.

Werfen wir noch einen kurzen Blick auf jenes technische Produkt, welches wie kaum ein anderes im letzten Jahrhundert das Antlitz unserer Städte und Landschaften geprägt hat: das Automobil. Kaum zehn Jahre ist es her, dass in geradezu rührender Einfältigkeit Techniker versucht hatten, knapp zwei Tonnen schwere Gefährte auf Elektroantrieb umzurüsten, obwohl sie meist nur einen Menschen transportieren wollten. Sie scheiterten. Offenbar ist das ein Naturgesetz: Jede neue Technologie bleibt anfangs im Alten stecken. So sahen die ersten Autos wie Pferdekutschen aus, so waren die ersten Fernsehbilder gefilmtes Theater, ja sogar der Buchdruck zu Gutenbergs Zeit imitierte aufwendig Handschriften. Immer dauert es einige Zeit, bis die Vorteile der neuen Technik erkannt werden. Vom Ballast panzerartig schwerer Autos befreiten uns die Chinesen. Erst rüsteten sie ihre Benzinroller auf Elektroantrieb um, dann entstanden extrem leichte, überdachte Kleinfahrzeuge in pfiffigem Design, die wenig Batterie­kapazität benötigten, zwei oder drei Personen sowie Gepäck transportierten und mit Reichweiten von mehr als 200 km fast alle Mobilitätsbedürfnisse abdeckten. Heute prägen sie das Bild weiter Teile der Straßen mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es sie ­immer schon gegeben.

Im Zuge der politischen Umbrüche war es dann fast eine Notwendigkeit, meinem Heimatland, der EU, einen vom Volk gewählten Repräsentanten zu geben. Dieser gesamteuropäische Wahlkampf hat bei ganz vielen erstmals das intensive Gefühl entstehen lassen, „Europäer“ zu sein. Was die Zukunft bringt, wurde ich vor dieser Rede gefragt. Ich weiß es nicht. Wie hätte man vor zehn Jahren das vorhersagen können, was heute Wirklichkeit ist? Nur eines: Es ist viel mehr möglich, auch heute Unvorstellbares.

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