Small Business, Good Business

Small Business, Good Business

440.000 Fahrräder werden Jahr für Jahr in Österreich verkauft. Doch damit hat es sich auch schon: Die Chancen rund um das Allzweck-Gerät Fahrrad werden viel zu wenig genützt

Kleine Geschichte zum Einstieg: Ich nahm am Wochenende an einer Radtour durchs Weinviertel teil. 165 Kilometer, steil bergauf und bergab, in Summe 1500 Höhenmeter. Die Startbedingung für die Tagesreise durch Kellergassen und keine Dörfer, durch Wiesen, Wälder und Felder, über Pflastersteine und Feldwege, vorbei an Teichen, Felsklippen und Ölpumpen war: Das Rad musste ein Oldtimer sein, Stahlrahmen, Rahmenschaltung, klassisches Design. Es wimmelte nur so vor alten Puchs, Peugeots und Francesco Mosers; mein vierzig Jahre altes himmelblaues „Dusika“-Rennrad (1972 persönlich bei Ferry Dusika gekauft!) hielt wacker mit. Klar trugen die Teilnehmer alte Wolltrikots, „Campagnolo“-Käppis und einige von ihnen sogar feine Leder-Radhandschuhe. Ein ziemlicher Aufwand, eine ziemliche Anstrengung. Das Hotel am Hauptplatz von Wolkersdorf sperrte extra für die Retro-Radfreaks schon um halb acht Uhr früh auf, die Bürgermeisterin schickte die Cyclophilisten auf die lange, beschwerliche Reise.

Natürlich kann man das alles als Spinnerei abtun, als Spleen, den da einige Verrückte ausleben. Aber: Es ist auch ein Zeichen, dass sich da was tut, dass es da eine Szene gibt, die es früher so noch nicht gab. Die Tour war als eine Art Testveranstaltung für eine größer angelegte „In vino-veritas“-Tour nächstes Jahr angelegt, mit ähnlicher Streckenführung, wobei die Veranstalter ein leuchtendes Vorbild vor Augen haben: Seit 1997 treffen sich in der Toskana Jahr für Jahr die Anhänger traditioneller Rennräder zur „L’Eroica“ – einem Radrennen auf alten Rennmaschinen mit angeschlossenem Nostalgiemarkt. Im letzten Jahr befuhren 2.400 Starterinnen und Starter vier unterschiedlich lange Strecken – ein Riesenspektakel, Qual und Vergnügen gleichzeitig. Das Wiener Rathaus hat die Weinviertler Veranstaltung übrigens sehr genau beobachtet, schließlich ist Wien nächstes Jahr Austragungsort der „Velo-City“, der weltweit größten Radkonferenz, die buntes Begleitprogramm in großer Zahl benötigt.

Das Rad als Sportgerät, als Freizeit-Tool, als „Fatburn“-Waffe, als Kultobjekt, aber auch als profanes Stadtverkehrsmittel hat in den letzten Jahren sukzessive an Bedeutung gewonnen. Und weil man als Autor eines Wirtschaftsmagazins ja angehalten ist, mit harten Fakten zu argumentieren, nun dieses: Jahr für Jahr werden in Österreich 440.000 – neue - Fahrräder verkauft. Das ist die offizielle Zahl der Wirtschaftskammer Österreich, die sich nun auch etwas intensiver diesem Dauer-Trend annimmt. Der im Übrigen noch viel stärker sein könnte - wenn es denn insgesamt etwas radfreundlichere Infrastruktur und ein etwas radfreundlicheres Klima gäbe (und da ist nicht das Wetter gemeint!). Immerhin rund eine Milliarde Euro an jährlicher Wertschöpfung wird mit dem Rad und ums Rad erwirtschaftet – bemerkenswert, und doch könnte es noch viel mehr sein. Nischen gibt es wahrlich noch genug. Es gibt beispielsweise keine Mechaniker, die E-Bikes reparieren und warten können. Erst unlängst hat die WKO in höchster Not eine eigene Ausbildung für Mechatroniker ins Leben gerufen.

Etliche Touristiker setzen aufs Rad, doch viele kaum und die meisten nur halbherzig. Dabei bräuchten sie nur nach Mallorca zu schauen: Die Sonneninsel hat es mit Radhotels, Radguides, professionellen Radverleihstellen und dem entsprechenden Marketing geschafft, sich flächendeckend eine gut gebuchte zusätzliche Vor- und Nachsaison aufzubauen – eine Qualität, die in Österreich bisher nur die kleine Wachau geschafft hat. Soll alles heißen: Ideen sind gefragt. Auch „Small Business“ ist Good Business. Auch „Old Technology“ kann High-Tech sein. Nicht nur Internet und Facebook bringt Cash, sondern auch City- und Mountainbike, Single-Speed- und Carbonrennrad, Lasten- und sogar das gute, alte Waffenrad. Letzteres ist unter der wiederbelebten Marke Puch in verfeinerter, aktualisierter Form heuer wieder am Markt erhältlich.

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