Sex & Macht: Warum mächtige Männer im Bett anders ticken

Die Sex-Affäre von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn erregt die Welt. Warum Männer an den Hebeln der Macht im Bett anders ticken.

Wer hätte gedacht, dass Dominique Strauss-Kahn je in Untersuchungshaft enden würde? Noch vor kurzem war der mächtige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf schillernden Society-Veranstaltungen ein gern gesehener Gast, einflussreiche Politiker suchten die Nähe des charismatischen Franzosen ebenso wie bekannte Wirtschaftsbosse und Medienvertreter – und das nicht nur, weil Strauss-Kahn als Manager des Weltfinanzsystems an den Hebeln der Macht sitzt. Der 62-Jährige soll die eindrucksvolle Gabe besitzen, Menschen vollends für sich zu gewinnen, sie mit einer Mischung aus Charme und Intelligenz zu betören. Seine Aura habe, so heißt es, eine merkwürdige Magie oder zumindest etwas, das ihn vom Rest abhebe.

Eine Hotelangestellte des „Sofitel“ am Times Square in New York sieht das anders. Ob er das 32-jährige Zimmermädchen zum Oralverkehr gezwungen hat und versuchte, sie zu vergewaltigen, wissen wir nicht. Und vielleicht werden wir es nie wissen. Aber wir wissen, dass Strauss-Kahn der Ruf eines Schürzenjägers vorauseilt. Etliche Frauengeschichten werden dem strahlenden Politstar Frankreichs nachgesagt, mit einigen davon soll er sich selbst rühmen.

Warum hat es also ausgerechnet dieser Mann nötig, sich wie ein Testosteronmonster auf eine Hotelangestellte zu stürzen? Bestimmt gibt es genug Frauen, Models, Schauspielerinnen und aufstrebende Politikerinnen, die sich gerne auf eine Affäre mit einem mächtigen und vermögenden – wenngleich verheirateten – Mann einlassen würden. Da soll es dieser vorziehen, sich in einem Hotel zum Affen zu machen?

Macht-Spiele

Als ich vor zwei Jahren mit den Recherchen für mein Buch „Die nackte Elite“ begann, dachte ich, die Sache würde unspektakulär ablaufen. Ich irrte mich. Ich weiß noch, als ich mal einen bekannten Investmentbanker um ein Interview bat, eines, wo er mir erklären würde, wie wenig Zeit er doch für seine Familie hätte und dass sich ein amouröses Abenteuer allein schon ob der vielen Arbeit nicht ausgehen würde. Ein Treffen mit seiner ehemaligen Sekretärin stellte klar: „An den Wochenenden bestellt er sich Huren ins Büro. Manchmal kommen sie zu zweit oder zu dritt. Ich habe es auf Rechnungen gelesen.“

Spätestens da wusste ich, dass ich das meiste, das mir aufgetischt wurde, nicht glauben konnte. Ich ging etwas demotiviert zur Wiener Psychoanalytikerin Rotraud Perner. Das Gespräch war ernüchternd. „Einer, der aus geglichen ist, strebt nicht nach Geld und Macht oder nach vielen Frauen, sondern ist mit dem, was er hat, zufrieden. Dem reicht es, mal einen Preis zu gewinnen“, sagte sie mir. Und nach mehr als fünfzig Gesprächen mit Männern in Toppositionen wusste ich, dass Perner Recht hatte.

Nicht nur sie hatte Recht, sondern auch die Prostituierten, die ich meist in Escort-Agenturen und Nobelbordellen traf. Sie berichteten davon, dass mächtige Männer ein mitunter bizarres Sexualverhalten pflegten. Eine sagte, sie verteile Ohrfeigen und Hiebe und müsse wüste Beleidigungen aussprechen. Ein andere erzählte vom Wunsch der Männer, erniedrigt zu werden, auf allen Vieren zu kriechen und angespuckt zu werden. Doch das ist die Minderheit. Die Münchner Prostituierte Susanne sagt: „Ich merke gleich, ob ich mit einem einfachen Angestellten im Bett bin oder mit einem beruflichen Überflieger.“ Demnach würden erfolgreiche Männer vor Sicherheit nur so strotzen – und es im Bett gerne übertreiben. „Sie glauben, sie können sich alles erlauben“, meint Susanne. So wie vielleicht Strauss-Kahn?

„Alles Getriebene.“

Julia ist eine auffallend schöne Prostituierte. Kein Wunder, dass ihr Terminkalender voll ist. Sie geht allerdings nicht mehr mit Prominenten ins Bett, „weil das mühsam ist“. Mit ihnen musste Julia, Mitte 30, viel trinken, Champagner von Moët & Chandon und Wodka der Edelmarke Grey Goose, auch teure Drogen waren mitunter im Spiel. „Und dann das viele Viagra, weil sie sich beweisen müssen, dass sie auch im Bett Spitzenleistungen bringen. Das sind doch alles Getriebene“, meint die Blondine, die heute am liebsten mit Lehrern und einfachen Angestellten schläft.

Sie erinnert sich noch gut an einen früheren Stammkunden, den Chef eines an der Wiener Börse notierten Unternehmens. „Der Sex hat oft die ganze Nacht gedauert. Er nahm ständig irgendwelche Tabletten und erzählte mir währenddessen, was er nicht alles besitzen und welche Prominente er nicht kennen würde. Offenbar brauchte er das, um richtig in Fahrt zu kommen. Ich log ihn dann an und spielte ihm vor, dass mich das besonders anturnen würde. Frustrierte Werksarbeiter sind aber genauso schlimm. Am besten, man bleibt bei der Mitte.“

Doch das Mittelmaß zu finden ist mitunter schwer. Schwer, wenn man nichts hat und aus der Unterschicht kommt. Und schwer, wenn man im Geld schwimmt, die Fäden der Macht hält und sich selbst zum Gott ernannt hat. Womit wir wieder bei Strauss-Kahn sind: Schon in einer Fernsehsendung hatte die Journalistin Tristane Banon mal erzählt, dass der Politiker bei einem Interview über sie hergefallen sei wie ein „brünftiger Schimpanse“. „Zum Schluss haben wir gekämpft. Ich habe ihm klar gesagt: nein, nein! Wir haben am Boden gerungen. Ich habe ihm Ohrfeigen und Fußtritte gegeben. Er hat versucht, meinen BH zu öffnen und meine Jeans aufzuknöpfen.“ Weil sie aber mit einer Tochter von Strauss-Kahn befreundet war und auf den Rat ihrer Mutter hörte – die Mitglied bei Strauss-Kahns Sozialisten ist –, verzichtete Banon darauf, Klage einzubringen.

Das erinnerte mich an die Worte eines Immobilienmanagers, der meinte, es sei unmöglich, am Boden zu bleiben, wenn man weit mehr erreicht habe als je erhofft. „Da glaubt man sowieso, dass jede Frau Sex mit einem will, und selbst wenn nicht, redet man es sich so lange ein, bis man es für die Wahrheit hält. Wer gibt sich nicht gerne Illusionen hin?“ Dass Mann sich alles nimmt, was er will, zeigte auch Arnold Schwarzenegger eindrucksvoll vor, der seine Haushälterin ja trotz Ehefrau und den vier gemeinsamen Kindern schwängerte.

Viele der von mir interviewten Manager haben mich gefragt, ob ich auch auf Topmanager stehe. Anfangs waren mir diese Fragen unangenehm. Mit der Zeit änderte sich das. Meine Antwort war nein, ich finde solche Männer nun einmal wenig anziehend, weil sie meist nicht sonderlich unterhaltsam sind und oft nicht gut aussehen. Damit wussten sie, dass sie für mich nicht attraktiv waren. In den Gesichtern einiger sorgte das für Unverständnis. „Ich mag am liebsten Männer, die nicht alles besitzen müssen – und schon gar keine Frauen“, sagte ich einem einmal. Männer wie Strauss-Kahn denken offenbar anders.

- Silvia Jelincic
Die Autorin und FORMAT-Redakteurin untersuchte in „Die nackte Elite“ das Stress- und Sexualverhalten von Topmanagern.

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