Seltsame Brillen-Prothese

Barbara Mayerl über ein hässliches, doch begehrtes Teil.

Der Auftritt war überraschend und kurz, der Eindruck aber prägnant. Google-Mitgründer Sergey Brin ließ vor ein paar Wochen tief in die Nerd-Seele blicken. Herumfingern am Smartphone während eines persönlichen Gespräches sei unkommunikativ. Das tun nur autistisch angehauchte Luschen, meinte er sinngemäß. Echten Männern wird das künftig nicht mehr passieren, wenn sie "die“ Brille tragen, sagte er. Dann können sie dem Gegenüber in die Augen schauen und Konversation betreiben, statt verstohlen auf ein Smartphone zu schielen.

Brin hatte "die“ Brille natürlich auf. Und wer die seltsame Logik der Botschaft nicht verstanden hatte, sollte sie zumindest nicht übersehen können. Hat der Mann eigentlich in den Spiegel geschaut? Noch sieht das Teil aus wie ein orthopädischer Schuh im Gesicht. Wer sich mit diesem Sehbehelf auf die Piste traut, trifft im Idealfall auf ratlose Gesprächspartner. Im Worst Case kommt die gestreckte Gerade, wenn die gepflegte Konversation mit einem Datenschützer aufgenommen werden sollte.

Mit diesem Sehbehelf wird das jahrzehntelange Bemühen der Brillen-Designer zunichte gemacht, Brillenträgern ihr Schicksal erträglich zu machen. Die Zeiten sind vorbei, als sich bebrillte Nerds am Schulhof auslachen lassen mussten. Es wird Zeit, dass Google jetzt die Brillen-Designer Hand anlegen lässt. Die Nerds haben noch wenig Durchblick bewiesen. Und dann reden wir gerne weiter.

- Barbara Mayerl

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