Sehnsucht nach Herz und Haltung

Sehnsucht nach Herz und Haltung

Was macht einen guten Spitzenkandidaten aus? Bei den Bewerbern um die EU-Parlamentsmandate gibt es viel Luft nach oben.

Der Scherz war gequält: Im Namen "Eugen Freund“ komme zwei Mal EU vor, da könne nichts schiefgehen, meinte SPÖ-Delegationsleiter Jörg Leichtfried Montag über den unerwarteten Spitzenkandidaten. Zu diesem Zeitpunkt war der vormalige ZiB-Moderator hart im Politalltag aufgeschlagen. Seine missglückten Äußerungen in einem "profil“-Interview bewiesen, dass es für Journalisten leichter ist, Fragen zu stellen, als welche zu beantworten.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Traditionsparteien bei Europawahlen auf Quereinsteiger setzen. Abgeordnete in Straßburg beziehungsweise Brüssel waren oder sind die italienische Starjournalistin Lilli Gruber, der tschechische Kosmonaut Vladimir Remek, Bergfex Reinhold Messner oder der finnische Rallye-Weltmeister Ari Vatanen.

Freund war eine aparte Idee. Doch als Kandidat macht er Kummer. Sein Erfinder Werner Faymann versucht zu retten, was zu retten ist: Auch Kreisky habe Millionen und Milliarden verwechselt und sei der beste Bundeskanzler und ein Arbeiterführer gewesen, so Faymann.

Nun, Arbeiterführer war Kreisky keiner. Die Stammkundschaft stand damals treu zur SPÖ. Kreiskys Erfolgsrezept war, die bürgerliche Mitte "ein Stück des Weges“ mitzunehmen. Wen wird Eugen Freund ansprechen? Stabilisiert er die SPÖ, oder sackt sie weiter ab? Ausgangspunkt ist das Resultat 2009 - das schlechteste Ergebnis und der größte Stimmenverlust, den die SPÖ bei einer bundesweiten Wahl je hatte.

Und wen werden die Spitzenkandidaten der anderen Parteien fesseln? "Für jede Show brauchst du eine große Idee und dann extreme Aufmerksamkeit für die Details“, befand einmal der große Filmregisseur Francis Ford Coppola.

Die Aufmerksamkeit für die Details hat am ehesten VP-Spitzenkandidat Othmar Karas. Er hat sogar zu viel davon. Der Sohn eines Schulinspektors ist Musterschüler des Europagymnasiums, extrem belesen, sachkundig auch auf entlegenen Gebieten. Karas ist Kopfmensch. Ob er die Sehnsucht der Wähler nach Herz und Haltung erfüllt, wird sich zeigen.

Die Erwartung mancher Schwarzer, er werde den Triumph von 2009 wiederholen, ist auf jeden Fall überzogen. Damals gab es einen Sonderfall. Aus mysteriösen Gründen setzteParteichef Josef Pröll Karas den Ex-Innenminister Ernst Strasser vor die Nase. Karas bockte, startete einen Vorzugsstimmenwahlkampf und gewann den ersten Listenplatz. Den Profit hatte die verblüffte Partei: Sie kassierte die Stimmen für Strasser und Karas. Diese Mobilisierung fällt am 25. Mai weg. Trotz vorhersehbarer Verluste kann die Volkspartei den ersten Platz halten. Die anderen haben nicht mehr zu bieten.

Eugen Freund startet mit Bleigewichten; weder ist bei ihm eine große Idee zu erkennen noch die Liebe für Details. Auch aus einem anderen Grund ist Freund ein fragwürdiger Vormann: Wahlkampf heißt Zuspitzung. Das ist das Gegenteil seiner ausufernden Vorträge.

Die Qual mit Quereinsteigern erspart sich die FPÖ. Sie schickt mit Andreas Mölzer und Harald Vilimsky zwei alt gediente Rabauken ins Rennen. Strategisch ist die FPÖ in einer guten Position: Sie ist die einzige Anti-EU-Partei und wird die Unzufriedenen einsammeln, soweit diese zur Wahl gehen.

Die Grünen haben mit Ulrike Lunacek eine ordentliche, in Fachkreisen profilierte Spitzenkandidatin. Ihr ist ein mittelprächtiger, vierter Platz zuzutrauen, wenn nicht die Neos ein weiteres Mal zuschlagen. Die Sammelbewegung rund um Matthias Strolz und Angelika Mlinar hat Herz ("Wir lieben Europa!“) und eine klare pro-europäische Haltung. Strolz ist freilich immer in Gefahr, die Zuwendung zu übertreiben. Auch das kann nerven.

Für die Neos steht viel auf dem Spiel. Stürzen sie ab, wird man sie Eintagsfliegen nennen. Lenken sie starke Wählerströme von VP, SP und Grünen auf ihre Mühlen, ist das ein Vorzeichen für die Landtagswahlen, deren Serie im Herbst im Vorarlberg beginnt.

Innenpolitisch wird bei der Europawahl die Temperatur gemessen, das macht die Sache spannend. EU-weit oder gar für die "transatlantischen Beziehungen“ (Freund) ist das Ergebnis nachrangig: In Österreich werden 18 von 751 EU-Abgeordneten gewählt.

- Christoph Kotanko
Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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