Schweiz als Vorbild nur bedingt geeignet:
Gastkommentar von Liselotte Palme

Wörtlich hieß es vor kurzem auf Transparenten von Kulturschaffenden vor einem Kino in Zürich: „Gebt ihnen das Bankgeheimnis und nicht Polanski!“ Die vor dem Kino Versammelten forderten also, mit anderen Worten, dass Menschen aus der Wirtschaft, die dem Staat Geld entziehen, härter verfolgt werden sollen als Menschen aus der Welt der Kunst, die kleine Mädchen misshandeln.

Die Leute vor dem Kino scheuten sich nicht, den Eindruck zu erwecken, sie wollten, dass Kulturleistungen kriminelle Taten kompensieren und sanktionsfrei machen sollen. Leider sind solche Aktionen nicht dazu angetan, die Ressentiments abzubauen, welche „das Volk“ vis-à-vis kreativen Freigeistern hegt.

Die Verhaftung des Starregisseurs Roman Polanski hat sich – ausgerechnet – in der Schweiz zugetragen. Ausgerechnet deshalb, weil die Schweiz dieser Tage ohnehin nicht aus den Schlagzeilen herauskommt. Da streitet sich die Regierung in Bern mit dem Libyer Muammar Gaddafi wegen einer Prügelaffäre seines Sohnes, woraufhin sich Gaddafi vor der UNO zur skurrilen Forderung versteigt, die Schweiz möge als Staat aufgelöst werden. Dann steigt im November in der Schweiz eine Volksabstimmung, ob Minarette gebaut werden dürfen. Dann wieder kocht das Thema Schweizer Bankgeheimnis international deshalb heftig hoch, weil der (bisherige) deutsche Finanzminister Peer Steinbrück öffentlich gegen die Eidgenossen loslegt oder weil die Schweizer Großbank UBS den USA gerade die Kontonummern Tausender Steuerflüchtlinge verrät. Und dann wird wieder einmal deutlich, dass sich die Schweiz tatsächlich mit Haut und Haaren in die Fänge ihrer Banken begeben hat: Während der Krise betrug das Gesamtobligo ihres Finanzsektors ein Mehrfaches des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Womit am Beispiel der Schweiz besonders drastisch bewiesen wurde, dass Staaten – vor allem die Schweiz – von ihren Banken längst erpressbar geworden sind.

Bis vor wenigen Jahren galt die Schweiz vielen Österreichern ja in vielerlei Hinsicht als Beispiel: Lange war sie tatsächlich das – pro Kopf der Bevölkerung – reichste Land der Welt. (Sie ist es seit den Neunzigerjahren nicht mehr.) Traditionellerweise verfügt sie über tolle internationale Unternehmen. Als Staat ist sie ebenso klein wie neutral, schon von daher war sie als Österreich-Vorbild gut geeignet. Freilich, spätestens in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erwies sich ihre Neutralität während der Nazi-Zeit als heuchlerische Profitmacherei. Doch so, wie viele österreichische Landsleute nun mal gestrickt sind, werden sie von dieser Art politischer Schlaumeierei kaum abgestoßen. Das „Vorbild Schweiz“ erhielt dadurch vornehmlich unter den jüngeren Landsleuten Kratzer, beim unsensibleren Teil der Älteren aber blieb die Schweiz irgendwie als „modellhaft“ gespeichert.

Gilt das noch? Zuletzt durchlief das Nachbarland ja tatsächlich eine Phase der Entzauberung. Zwar schien nach dem Ende des Eisernen Vorhangs die Neuausrichtung der Schweizer Außenpolitik geglückt zu sein: Die Eidgenossen erlaubten während des Bosnien-Kriegs den USA, ihren Luftraum zu durchfliegen. Auch an der Peacekeeping-Mission im Kosovo nahmen sie teil. Nach Jahrzehnten der Isolation befürwortete eine Volksabstimmung im Jahr 2002 auch den Beitritt zur UNO, und Mitte der Neunzigerjahre hat das Land sein zuvor legendäres Milizheer neu organisiert und zeitgemäß verkleinert. Nur der EU-Beitritt allerdings bleibt – noch – tabu.

Trotzdem: Die vielen Vorkommnisse der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass die Krise, in der das Nachbarland steckt, andauert. Im deutschen Wochenblatt „Die Zeit“ zum Beispiel erscheinen immer wieder grüblerische Artikel, die klarmachen, dass die Schweizer zwar jenen Teil des Kapitalismus internalisiert haben, der aus dem Verwobensein von wirtschaftlichem und politischem System erwächst. Mit anderen Worten, dass sie sehr gut wissen, dass Gewinne in Wahrheit nicht aus einer abgehobenen Ökonomie ohne politische und diplomatische Verquickungen sprudeln, sondern dass das wirtschaftliche und das politische System im stillen Kämmerchen gut zusammenspielen müssen, um maximale Wirkung zu erzielen. Aber abgesehen von diesem Wissen, das offenbar tief in jedem Schweizer steckt, ist den schlaumeierisch eingestellten Nachbarn allerdings jene Dynamik gründlich abhandengekommen, die als Grundvoraussetzung für effizientes Funktionieren von Wirtschaft ebenfalls unverzichtbar ist: die Art von Dynamik, welche etwa die USA während der vergangenen Jahrzehnte unzweifelhaft an den Tag gelegt haben.

Heißt das, dass die Schweiz unaufhaltsam in eine satte europäische Immobilität absinkt? Nicht unbedingt. Zwar ähnelt die Mentalität der Beschäftigten im internen, geschützten Sektor der eidgenössischen Ökonomie zunehmend jener der österreichischen Bundesbahner. Aber andererseits hat jeder Schweizer das Primat des Ökonomischen echt internalisiert. Und weil die Schweiz als Staat sehr international orientiert ist und außerdem seine Bürger in allen Dingen zum Mitdenken ermuntert, scheint ein dynamischer Neustart möglich. Eher jedenfalls als in historisch ganz anders geprägten Teilen Europas.

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