Schafft die Schulskikurse ab!

Mit seltsamen Argumenten und fragwürdigen Förderaktionen versucht der Wintersport-Tourismus, Österreichs Schüler als zukünftige Konsumenten heranzuzüchten.

Schafft die Schulskikurse ab!

Natürlich das Handy! Was sonst? Das Handy ist schuld daran, dass Österreichs Jugendliche immer weniger fürs Skifahren zu begeistern sind.

Das behauptet zumindest die „Allianz Zukunft Winter“ , eine Initiative des österreichischen Wintersport-Tourismus, die den Skiurlaub forcieren will. Jugendliche fänden „Handys attraktiver“ als Wintersport, so die Argumentation. Aber auch die sinkende Zahl an Teilnehmern an Schulskikursen wird als Grund angeführt, weshalb Liftbetreiber, Hoteliers, Skiindustrie und Wirtschaftskammer um die Zukunft von Skifahren als des Österreichers natürlichste Sportart bangen. Im Vergleich zu 1990 fahren ein Drittel weniger Schüler bei den Schulskikursen mit; eine solche Teilnahme ist ja nicht mehr verpflichtend.

Die sinkende Teilnehmerzahl sollte aber nicht einmal die rabiatesten Skisport-Verehrer verwundern: Skifahren ist teuer, gefährlich und nicht mehr das Vergnügen, das es einst war. Und das behauptet jemand, der selbst begeisterter Skifahrer ist und sich für einen schönen Wintertag nichts Besseres vorstellen kann, als die Skier anzuschnallen. Doch heute sind die Skipisten überbevölkert (nicht zuletzt mit behelmten, rücksichtslosen Hobby-Herminatoren), die Liftpreise völlig jenseitig, die Ausrüstung sauteuer, die Anfahrt ins Skigebiet ein Nervenkitzel, die gastronomische Verpflegung grauslich (und dennoch teuer) und der Alkoholpegel vieler „Sportler“ nach 14 Uhr über dem zuträglichem Maß.

Die Mär von der steigenden Sicherheit

Das mögen subjektive Erfahrungen sein, die jedoch erstens viele Gleichgesinnte gemacht haben und die zweitens auch nicht von Studien zur angeblich steigenden Sicherheit auf den Pisten entschärft werden können: Alleine das massive Verkehrsaufkommen auf den meisten Pisten zu den Ferienzeiten sorgt für Unbehagen, vor allem bei Familien. Jährlich verletzen sich mehr als 44.000 Skifahrer auf Österreichs Pisten so schwer, dass sie im Spital behandelt werden müssen.

Und sehen wir uns nur die Schulskikurse an: 350 Euro aufwärts für eine Woche ist für viele Menschen ein hübscher Batzen Geld; bei zwei Kindern macht das mindestens 700 Euro aus – das ist beispielsweise für viele Alleinerzieher ein gutes Monatsgehalt dafür, dass die Wintersportindustrie ihre zukünftigen Kunden erziehen darf. Ausrüstung, Verpflegung und weitere Kosten sind da noch gar nicht einberechnet. Aber die „Allianz Zukunft Winter“ weiß, wie sie sich das Interesse der Schulen und der Lehrer warm hält: Für „interessierte Lehrer“ gibt es zwei Tageskarten pro Person geschenkt. Und es gibt von der Initiative „Wintersportwoche“ nicht nur eine Aufklärung über die rechtlichen Grundlagen für Schulskiwochen, sondern bis Ende Dezember lief auch eine Aktion für „interessierte Lehrer“ , die einen 40prozentigen Nachlass beim (Privat)Kauf von Skiern erhalten. Ist das noch Verkaufsförderung oder schon Lobbying? Und bekommen nun auch Eltern, die ihren Kindern Jahr für Jahr eine neue Ausrüstung kaufen dürfen, einen 40prozentigen Rabatt?

Wirtschaftsfaktor Skifahren

Nun ist klar, dass der Wintersport für Österreichs Wirtschaft ein wichtiger Faktor ist: Die Bruttowertschöpfung macht angeblich 2,3 Prozent des BIP aus. Von den Folgekosten durch die vielerorts völlig hemmungslose Zerstörung der Natur mal abgesehen: Wie lange und mit welchen Mitteln wird sich angesichts der Erderwärmung die Mär vom Schneeparadies Österreich noch aufrechterhalten lassen? Die natürliche Schneedecke wird sich laut jüngsten Klimaberichten schon bald auf 3500 Meter zurückziehen. Was dann? Noch mehr Kunstschnee? Nur noch Kunstschnee? Gänzlich künstliche Skipisten aus Polyester? Spezielle Carver für Grasnarben-Skilauf?

Und buhlen die österreichischen Skiorte nicht seit Jahren und mit immensem Aufwand vor allem um betuchte ausländische Gäste, etwa aus Russland? Haben sie darüber nicht auf den einheimischen Gast vergessen, der ihnen nun aber plötzlich gut genug ist, um Sessellifte, Hütten und Verleihlager zu füllen? Und die Skiindustrie: Hat die nicht mit jenseitigen Kampagnen die Konsumenten eher zum Lachen als zum Kaufen gebracht? Man denke nur an den „Trend zum Rocker-Ski“, der vorigen Herbst propagiert wurde. Rocker-Ski! Doch um den Preis, den zwei lustig bemalte Stück Bretter kosten, kann man heute auch eine Woche in den Süden fliegen. Und dort gibt es nicht nur wassrige Germknödeln und DJ Ötzi rund um die Uhr.

Also sind vielleicht doch nicht nur Handy, Faulheit und sportabsente Eltern daran schuld, dass sich immer weniger für den Skisport begeistern? Vielleicht hat die Wintersport-Industrie inklusive Tourismus einfach den Bogen überspannt mit ihrem Wachstum um jeden Preis.
Also: Schafft endlich die Schulskikurse ab!

Robert Prazak

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