Thomas Jäkle: Die Runtastic-Staffel ist allen davongelaufen

Thomas Jäkle: Die Runtastic-Staffel ist allen davongelaufen

Thomas Jäkle

220 Millionen Euro ist das Unternehmen Runtastic mitsamt seiner Software wert. Eine Fitness-App, die hauptsächlich Läufer in Schwung hält, ihre Leistungen dokumentiert und Daten sammelt ohne Ende. Der deutschen Sportausrüster-Konzern Adidas hatte bisher weder Knowhow, noch passende Fitness-App, noch die Muße etwas Eigenes aus dem Hut zu zaubern und muss dafür nun einen Preis zahlen. Aber Runtastic ist noch mehr: Eine Erfolgsstory aus Österreich und nun auch Sinnbild dafür, wie etwa Verlage ein neues Business komplett verschlafen haben, auch wenn es vermeintlich nicht ganz zum Kerngeschäft passen will.

Abcashen als Business-Modell? Sich in die Arme eines Weltkonzerns werfen, Geld scheffeln und Millionär werden? Der Runtastic-Deal regt an, manche in der sommerlichen Hitze auch auf. Und andere sind auch ein wenig neidisch – nach dem Motto: „Warum ist mir das nicht eingefallen?“ oder „Sooo banal, kaum zu glauben – aber warum ich nicht?“

Die Runtastic-Buben hatten zu Beginn den Anmut einer Boygroup „Made in Oberösterreich“, was ihre Frisuren betraf. Vom Outfit her in ihren schwarzen Anzüge fast gezwängt, eher eine Blues-Brother-Partie, als der Autor René Giretzlehner, Florian Gschwandtner, Christian Kaar und Karl Luger kennen gelernt hat. Die vier Herren, die damals gerade ihr Studium an der FH Hagenberg abgeschlossen hatten, wirkten leicht übernächtigt. Tags zuvor hatten sie noch ihre nächste Version der Fitness-App durch und durch getestet, um sie in den App-Store zu bringen. Es war das Jahr 2008.

Am Rande einer Begehung der Fachhochschule Hagenberg in Oberösterreich erklärten die Runtastic-Herren ihr Produkt. Gewisse Unschärfen inklusive. Was nicht von ungefähr kam. Runtastic war gerade als Spinoff entstanden. Die damals 25jährigen Burschen noch nicht ganz gepeilt, wohin ihr Weg wohl gehen könnte. Kein Zweifel gab es über das Produkt: Eine Fitness-App, die Läufer nutzen.

Der Kick: Via GPS konnte der Läufer mit der App seine Wegstrecken aufzeichnen, die Zeitnehmung und Abspeichern der Daten auf einem Server waren zwei weitere Kernfunktionen, die bis heute verfeinert wurden. Erlöse sollten über eine kostenpflichtige App generiert werden, die in unterschiedlichen Versionen je nach Features zwischen 1,99 und 4,99 Euro kosten sollten. Viele Nutzer, die man mit der Gratis-App ködern wollte, sollten umsteigen und so die notwendigen Erlöse bringen. Mit Werbung garniert, sollten weitere Erlösquellen angebohrt werden.

Ein Plan mit Methode

Eines war den vier jungen Männern schon damals klar: Österreich als Markt alleine, selbst erweitert mit Deutschland, kann à la longue nicht reichen, um ein taugliches, weil profitables Geschäftsmodell zu begründen.

Die vier Greenhorns hatten eine Idee. Und für die sind sie gerannt und gesprungen, von einer Veranstaltung zur nächsten, haben rasch expandiert und immer wieder ihre eigene Story getrommelt, die auch bei der Landesbank Oberösterreich, unter der Leitung des damaligen Generaldirektors Ludwig Scharinger, Gehör gefunden hatte. Bei vielen Business Angels und Finanzinvestoren weckte das Innovatoren-Quartett aus Oberösterreich das Interesse. Eine Vierer-Bande, die intern die Aufgaben geschickt aufgeteilt hatte. Gschwandtner wurde das Gesicht nach außen, Kaar und Lugar steuerten von hinten und Giretzlehner war quasi der Verbindungsmann zu den Stakeholdern und Anfangs für Presse-Agenden zuständig.

Runtastic hatte schon früh auch mit Tiefen und Untiefen des Geschäfts zu kämpfen. Die App war Anfangs nicht gerade eine Eigenwerbung. Als Nutzer weiß der Autor, wie die Wege über Flüsse hinweg geführt wurden (und manchmal immer noch werden), obwohl diese nicht betreten oder gequert wurden.

Die Erweiterung der Geschäftspalette um Sportzubehör, später Uhren, schien Anfangs eher ein halbherziger Kompromiss zu sein, als eine Überzeugungstat. Die Erlöse machten Schwierigkeiten. Gschwandtner trommelte immerzu die großen Zahlen und sein Glück via Facebook und sonstige Kanäle. „1 Million Downloads“, dann zwei, drei … fünf, die Expansion nach Japan und das Büro in – No-na-ned (!) – Silicon Valley, die Kooperation mit irgendjemandem dort. Doch nur zu echten Zahlen, Daten und Fakten, Umsatz, Ebit, Ebitda und Fragen „Wie geht es weiter?“, „Investoren?“ oder „Wie viele kostenpflichtige Downloads?“ zog der Ober-Runtasticer Gschwandtner die Handbremse an und hüllte sich in Schweigen.

Bis zuletzt. Besser gesagt bis zum Einstieg vom Axel Springer Verlag, der die Hälfte des Unternehmens kaufte. 22 Millionen Euro war das Unternehmen im Oktober 2013, nicht einmal ein halbes Jahrzehnt nach der Gründung, wert. Der Datenschatz macht die Attraktivität und die App, die aber alleine so einzigartig nicht war. Konkurrenz gibt es am Markt genug. Und mit den großen Zahlen hatte Gschwandtner oft beeindruckt. Und dem Unternehmen wurde eine Aura gegeben, unter anderem auch von Journalisten heimischer Business-Publikationen, die Orchideen-Geschichten konstruierten, sich die Downloads in die Notizbücher diktieren ließen, statt nachzufragen nach KPIs, Umsatz, Gewinn, Profit, Ebit-Marge.

Aus und vorbei, könnte man nun sagen ist’s mit Runtastic. Nicht Pleite, was in den ersten Jahren mangels fehlender Erlöse bei Startup-Companys ständig mitschwingt, sondern zum fetten Startup ist Runtastic gewachsen. 220 Millionen Euro quasi für eine App mit angehängtem Datenschatz von 60 Millionen Adressen (inklusive nicht aktiver Nutzer). Für Adidas ist das Geschäft schlechtenfalls ein Abschreibposten, der das Ergebnis kaum tangieren dürfte, sollte sich Runtastic als Rohrkrepierer erweisen.

Dass sich dies nicht bewahrheitet, dafür sollen auch künftig die vier Gründer sorgen. Die Herren stehen weiterhin in der Pflicht. Für die Frühpension sind die nun 32 und 33-Jährigen ohnehin zu jung. Adidas betont gleich nach der Übernahme, die Unternehmensgründer an Bord zu halten.
Ob das gelingen wird, muss sich zeigen. Nicht das erste Mal wäre es, würden Startup-Unternehmer in den engen Zwängen eines börsennotierten Konzern aufgerieben, würden die Unternehmenschefs sie sogar missverstehen oder genauso könnte bei den Innovatoren aus Oberösterreich schon die Luft ausgehen. Und mit "neureichen" Millionären im Angestelltenverhältnis zu arbeiten, ist für „die Anderen“ in einem Konzern oft ein nicht so leichtes Unterfangen.

Außerdem: Von Downloads alleine, auch wenn die Fitness-App 60 Millionen mal – gratis - auf smarte Handys geladen werden, kann das nicht das Geschäftsmodell sein, das sich Adidas erwartet. Erst der Cash macht das Produkt so richtig schön. Und da hat Runtastic natürlich noch Nachholbedarf.

Die besserwissenden Nichtwissenden

Nachholbedarf haben aber auch heimische Verlage und all die Besserwisser, die es eh immer gewusst haben, aber in Wirklichkeit nur alles zerreden. Und bremsen, statt zu neuen Ufern aufzubrechen. Eines kann man der Runtasticern nicht vorwerfen: Die Jungs haben sich nicht zurückgelehnt und geschaut, wie die Leichen die Donau hinuntertreiben. Sie waren und sind Unternehmer, haben Arbeitsplätze geschaffen.

Und sich auch immer wieder die Nase angerannt. Freilich: Über den Kaufpreis, über die Bewertung – 220 Millionen Euro – kann man trefflich diskutieren. Es gibt aber jemand der es bezahlt.

CEO Gschwandtner tut gut daran, eine von ihm über Facebook angesprochene "Neid-Debatte" aus guten Gründen nicht zu führen, auch wenn er seine neue bayrische Nobelkarosse gerne zur Schau stellt, weil das in den USA freilich üblich ist. Demut ist da sicher der bessere Berater.

Wer nun kommt und sagt, wo ist das Businessmodell neben dem Abcashen der Vierer-Bande, hat sich selbst an der Nase zu nehmen. Gerade im Verlagswesen – vor allem in Österreich – hegt und pflegt man seit gut 20 Jahren eine unbeschreibliche Weinerlichkeit. Google ist böse, Datensammeln noch böser und neue Geschäfte sind sowieso das Letzte. Und Veränderung ist überhaupt von Luzifer & Co zu bestrafen.

Die schöpferische Zerstörung

Eine banale Idee fortzuführen, das hat die erwachsen gewordene Boygroup aus Oberösterreich vorexerziert. Und lange Wege sind sie dafür gegangen, um Gehör zu finden. Haben es allen gezeigt, die es ja ohnehin schon immer besser gewusst haben.

Adidas wird sich schon etwas überlegt haben, warum es mit Runtastic künftig sprinten will. Der Axel Springer Verlag hat nach nur zwei Jahren den Exit beschlossen und den Einsatz verfünffacht - binnen zwei Jahren! Unterm Strich aus 22 Millionen Euro rund 110 Millionen Euro abkassiert.

Da können sich nicht nur Verlagshäuser eine Scheibe abschneiden, wie man mit Verve und Blick in die Zukunft neue Geschäftsmodelle auf die Beine stellt und zum Kerngeschäft neue passende Geschäftsfelder hinzufügt. Oder wie es der österreichische Ökonom Joseph A. Schumpeter als einen Prozess der schöpferischen oder kreativen Zerstörung begriffen hat, nämlich das Wechselspiel aus Innovation und Imitation als Triebkraft des Wettbewerbs zu nutzen.

Genau da ist die Vier-Mann-Staffel von Runtastic eben allen davon gerannt - mit einem klaren Ziel, mitunter schneller, als vielen, vor allem in Österreich, lieb und billig ist.

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