<small><i>Richard Branson</i></small>
Romanzen im Büro, ja bitte!

Beziehungen unter Arbeitskollegen sind nahezu unvermeidlich. Moderne Unternehmen sollten sie auch nicht verbieten.

Anlässlich der Übernahme der britischen Bank Northern Rock durch Virgin Money wurde ich vielfach daran erinnert, dass es verschiedenste Ausprägungen von „Familienunternehmen“ gibt. Ich reiste durch Großbritannien, um die Northern Rocker im Virgin-Konzern willkommen zu heißen und merkte sofort den starken „Familiensinn“. Ich traf nicht nur regelmäßig Ehepaare, die in derselben Filiale tätig waren, sondern auch in einigen Fällen Söhne und Töchter.

Ich kann mir keine größere Anerkennung eines Arbeitgebers vorstellen als die Empfehlung der Beschäftigten an enge Verwandte, auch hier zu arbeiten.

Einige Zeit später fragte mich ein Freund aus New York beim Abendessen über die Unternehmenspolitik von Virgin betreffend Beziehungen am Arbeitsplatz. Sein 28-jähriger Sohn arbeitet bei einem Unternehmen, das alle privaten Beziehungen zwischen Angestellten verbietet. Der junge Mann hatte eine schwierige Zeit hinter sich. Er musste nicht nur seine Beziehung zu einer Kollegin im Unternehmen geheim halten, auch bei privaten Lokalbesuchen oder Spaziergängen mussten die beiden aufpassen, von keinem Mitarbeiter gesehen zu werden.

Ich hatte darüber eigentlich noch nie nachgedacht. Wir alle verbringen mehr und mehr Zeit im Büro und heiraten (zumindest erstmals) so Mitte bis Ende unserer zwanziger Jahre. Sich im Büro zu verlieben scheint mir da schon fast unausweichlich und viel zu wahrscheinlich, als dass es gegen allgemeine Unternehmensregeln verstoßen würde. So viel ich weiß, hatten wir bei Virgin noch nie Probleme mit „Bürobeziehungen“, und wir verbieten sie auch nicht.

Aber mein Interesse war geweckt, und ich erkundigte mich bei einigen progressiven Unternehmen. Ich nütze nun ihren Rat und unsere Erfahrungen bei Virgin, um einen sensibleren Zugang zum Thema zu finden. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können diese Richtlinien nutzen, ohne Amor gleich seiner Pfeile zu berauben.

1. Bringen wir Beziehungen zurück ins Büro
KISS (keep it simple and stupid) ist hier angebracht. Wenn es den Angestellten freigestellt wird, Beziehungen mit Arbeitskollegen einzugehen, ist es auch leichter, sie dafür zu gewinnen, die Unternehmensziele mitzutragen. Sämtliche Richtlinien sollten so gestaltet sein, dass Beziehungen nicht geheim gehalten werden müssen. Diese Offenheit wird sich als Win-win-Situation für das Unternehmen und die Mitarbeiter erweisen.

2. Wer berichtet wem?
Es ist nicht überraschend, dass sich zwei Mitarbeiter, die eng miteinander arbeiten, ineinander verlieben. Allerdings sollte nicht die/der eine des anderen Vorgesetzte/r sein. Wenn sich ein Paar in solch einer Situation befindet, sollte die Personalabteilung eine andere Lösung finden.

3. Distanz ist gut
Jedes Unternehmen und jede Situation ist anders, aber es ist vermutlich keine besonders gute Idee, wenn ein Paar, vielleicht auch noch in einer kleinen Abteilung, eng zusammenarbeitet. Es ist egal, wie diskret und sensibel die beiden sind: Probleme sind vorprogrammiert. Physische Distanz tut hier allen gut.

4. Diskretion ist der Schlüssel
Jemand, den ich konsultierte, sagte: „Sie sollten sich benehmen wie ein altes verheiratetes Paar – keine Zeichen von Leidenschaft.“ Vielleicht ein halblustiger Witz, aber auch weise.

5. Offline bleiben
Paare sollten sich ihre private Post nicht über den Firmen-Mail-Account schicken. Ein kleiner Fehler, und das ganze Unternehmen liest mit.

Jedes zukunftsgerichtete Unternehmen sollte es sich zweimal überlegen, Büroromanzen zu verbieten. Besser, als mit strikten Richtlinien und Verboten Unmut zu erzeugen, ist die Erstellung einiger allgemeiner Regeln, die es Paaren ermöglichen, ihre Beziehung problemlos im Unternehmen zu führen. Gute Unternehmen sind Großfamilien ähnlich, die Erfolge gemeinsam feiern und die guten Seiten von Misserfolgen erkennen. Angestellte, die sich verlieben, sind Teil des Abenteuers, und das sollte doch auch gefeiert werden.

RichardBranson@nytimes.com
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Richard Branson
ist Gründer der Virgin-Gruppe mit Gesellschaften wie Virgin Atlantic, Virgin America, Virgin Mobile und Virgin Active. Er betreibt einen Blog unter www.virgin.com/richard-branson/blog. Sie können ihm auf Twitter folgen: twitter.com/richardbranson. Oder mehr über die Virgin Group erfahren: www.virgin.com. Fragen von Lesern werden in künftigen Kolumnen behandelt.

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