Regulierung der Finanzmärkte:
Das Monster schmatzt wieder

Der G-20-Gipfel in Seoul brachte das erwartete magere Ergebnis. Wobei die Eigenmittel-Aufstockung für Banken an sich eine gute Sache wäre, wenn sie denn wirklich so käme. Das freilich ist noch alles andere als fix. Außerdem ist den Fachleuten seit langem klar, dass im „normalen“ Wertpapiergeschäft zwar so getan wird, als gälten die neuen Vorschriften der zaghaften Regulierer für sämtliche Wertpapiere, dass dem in Wahrheit aber überhaupt nicht so ist.

Zum Beispiel redet derzeit wieder alle Welt von – jetzt vor allem irischen – Staatsanleihen. Doch in Wirklichkeit sind Europas Anleihen ein Buch mit sieben Siegeln: Kein Mensch kann momentan wissen, wer diese Anleihen hält.

Der Zeitpunkt war kein Zufall. Genau zwei Jahre nach der Lehman-Pleite, also im September dieses Jahres, legte EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier Vorschläge zur Regulierung der europäischen Derivatmärkte vor. Unter Derivatgeschäften sind solche zu verstehen, bei denen vereinbart wird, zukünftige Käufe oder Verkäufe zu jetzt festgelegten Bedingungen durchzuführen. Es kann sich dabei sowohl um Geschäfte auf Basis von Aktien oder Anleihen als auch um solche auf Basis von Zinsen oder Rohstoffen handeln.

Das Problem bei Barniers Reform

Die meisten dieser Geschäfte werden traditionell außerhalb von Börsen, also direkt zwischen zwei Partnern quasi privat, durchgeführt. Es gibt kaum Transparenz. Das wurde ja auch als Mitauslöser der Finanzkrise genannt. Barnier spricht im Zusammenhang mit besagten Märkten denn auch davon, es dürfe dort nicht länger „zugehen wie im Wilden Westen“.

Natürlich ist Barniers Derivate-Regelungskatalog noch nicht durch- und umgesetzt. Wahrscheinlich wird er so verwässert werden wie viele andere von der EU ersonnenen Regulative. Aber: Wussten Sie, dass Derivate, Fremdwährungen und – in erster Linie – alle Arten von Anleihen in Europa mindestens zur Hälfte über einen ganz ungeregelten Handel, mit anderen Worten also völlig im Dunkeln, vertrieben werden? Ohne Transparenz?

Mittlerweile haben die meisten Zeitgenossen irgendwo im Hinterkopf gespeichert, dass spät, aber doch Europas nationale Politiker ihre während der Krise gegebenen Versprechen, die Finanzmärkte künftig zu regulieren, nun Stück für Stück in die Realität umsetzen. Beispiel: Sind Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble dabei nicht sogar in mancher Hinsicht (Beispiel: Verbot ungedeckter Leerverkäufe) vorgeprescht? Konnten sie damit „im Volk“ nicht eine gewisse Glaubwürdigkeit aufbauen?

Die Wirklichkeit sieht freilich ganz anders aus. Auch Merkels und Schäubles Aktionen waren vom Ansatz her populistisch. In Wahrheit sind sie banal. Auch Merkel, Schäuble & Co wissen nämlich ganz genau, dass es überhaupt nur eine beschränkte Zahl regelbarer Wertpapierhandelsplätze gibt. Und das sind in Europa die offiziellen Aktienbörsen, darunter die Börse Wien.

Auch Merkel & Schäuble wissen, dass die Hälfte aller Finanzgeschäfte nicht an solchen Börsen abgewickelt werden. Dass diese zweite Hälfte entweder über praktisch regellose sogenannte „Dark Pools“ läuft, über kaum regulierte „Multilaterale Handels-Facilities“, sogenannte MTFs.

Turquoise ist die weltweit größte MTF, sie steht mehrheitlich im Besitz der Londoner Börse, größenmäßig gefolgt wird Turquoise von der ebenfalls in London ansässigen Chi-X. Die Politiker wissen natürlich auch, dass der gesamte Handel mit europäischen Anleihen grundsätzlich regellos, bilateral und meist einfach via Telefon zwischen zwei (meist) Banken „over the counter“ erfolgt. Bei den „Dark Pools“ insinuiert schon der Name das Dunkle, Ungeregelte des Geschehens. „Dark Pools“ gewährleisten den klandestinen Marktteilnehmern nicht nur völlige Anonymität. Ein weiterer Vorteil liegt für sie darin, dass in den „Dark Pools“ auch bei großen Transaktionen von außen keinerlei Preisbewegungen sichtbar werden.

Die Amerikaner waren es auch, die im Jahr 2006 die sogenannte „Regulation NMS“ beschlossen haben, die einen Transparenzschub auf den Aktienmärkten bringen sollte. Auch Europa hat sich übrigens bereits 2004 etwas in der Art gegeben, es heißt „Markets and Financial Instruments Directive – Mifid“, auf Deutsch „Finanzmarktrichtlinie“ der EU. Sie wurde damals „zur Harmonisierung der Finanzmärkte im europäischen Binnenmarkt“ von Brüssel beschlossen. Freilich gelten „Mifid“ wie auch „Regulation NMS“ als eher zahnlos.

Jedenfalls haben beide nur wenig mehr Transparenz gebracht

Wie sonst wäre die Ahnungslosigkeit zu erklären, mit der die EU-Finanzminister heuer im Frühjahr auf Fragen reagierten, wer denn die griechischen Staatsanleihen so verantwortungslos auf den Markt geworfen habe? Warum kam es zum Anleihencrash? Wegen der hohen Verschuldung? Die war doch vorher auch schon hoch und ist im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan wirklich nicht außergewöhnlich. Wer warf damals all die Staatspapiere auf den Markt? Hedgefonds? Pensionsfonds? Versicherer? Intransparenz feiert fröhliche Urständ. Denn das alles wissen wir nicht.

- Liselotte Palme, FORMAT-Autorin

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