Regierung: Wie es weitergehen sollte, sollte es weitergehen

Das Ergebnis der Nationalratswahl ist nur mit Humor tragbar: „Wie mächtig sind jene Leitartikler, die aus Gründen der Originalität die große Koalition kaputt schreiben?“

„Ich hab immer alles durchschaut … auch a Regierungsmitglied, wann i mir’s so anschau … der is aa net anders als i. Und i kenn mi. So san de alle. Aber bitte – es geht mi nix an.“ (Aus „Der Herr Karl“)

Helmut Qualtinger und Carl Merz haben vor 47 Jahren ihren legendären „Herrn Karl“ niedergeschrieben; aber ihr Geisteskind hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst. Ja – eine kompakte Masse der Österreicher darf sich seit Sonntag „Karl“ nennen. Die Karls sind sowohl weiblich wie auch männlich, jung wie auch alt. Und sie sind definitiv dabei, die Herrschaft anzutreten und dieses Land – zumindest vis-à-vis der wachen europäischen Öffentlichkeit – der Lächerlichkeit preiszugeben: Beispiele?
Da sind jene, die der öligen Liebedienerei der „Krone“ folgen; ahnungslos, dass der Herausgeber in allen wichtigen Fragen – Europa, große Koalition, Budgetpolitik – seine Meinung je nach Laune oder Zeitungsinteresse schon x-mal geändert hat.
Leser, die keine Ahnung von Wirtschaftspolitik haben, deren Absonderungen aber auf Leserbriefseiten abgedruckt werden – in oft schauerlichem Deutsch. Dafür wissen alle dezidiert, dass es „altersmäßig“ möglich gewesen wäre, dass Werner Faymann der Sohn von Hans Dichand ist; aber „es ist nicht so“ (Cato himself). Ein anderes Indiz für die Karlisierung war wohl die Antwort österreichischer Parlamentarier auf die amerikanische Bankenkrise – dass nämlich Wachteleier Luxusgüter sind. Und weiters wird Wiens Wahlsieger H.-C. Strache in Zukunft dafür sorgen, dass in Wiener Gemeindebauten keine Hammel gebraten werden dürfen – „weil hiesige Mandatare auch in Istanbul keine Wildsau grillen“ (Originalzitat H.-C. S.). Wetten, dass dieser Sager am vergangenen Sonntag ein paar Tausend Stimmen zur FPÖ verschoben hat?

Nun geht es für Bundespräsident Heinz Fischer, der das Wahlergebnis ausbaden muss, in Wahrheit um die Beantwortung sehr ernster Fragen, die man allerdings einem großen Lügendetektor anvertrauen sollte:
- Ist die SPÖ der Zukunft eher verlässlich europäisch oder eher Dichand-dankbar? Und wie steht es in Zeiten wie diesen um das komplexe wirtschaftspolitische Standardwissen des Berufspolitikers Werner Faymann – was Notenbankpolitik, Kapitalmarktaufsicht, Gesundheits- und internationale Politik betrifft?
- Wie glaubwürdig sind weiters jene VP-Häuptlinge, denen kürzlich jene große Koalition „gereicht“ hat, die sie selbst miterfunden haben? Und wie kann man jene rabiaten ÖAABler stoppen, die permanent auf Sozi-Hatz sind?
- Wie international herzeigbar ist nach der in ganz Europa undenkbaren Plakatflut eine Regierungspartei mit einem kreischenden Derwisch an der Spitze? Was werden die EU-Partner in Brüssel denken, wenn ihnen schon wieder die Männer mit narbenverzierten Gesichtern aus der Zeit der schwarz-blauen Regierung gegenübersitzen?
- Kann man gar Jörg Haider glauben, er sei ein Geläuterter – oder Kärnten ist lei oans bei der Behandlung seiner slowenischen Minderheit?
- Schliesslich: Wie mächtig ist die Lobby der Leitartikler – jener journalistischen Aufreger, die allein aus Gründen der Originalität bisher die große Koalition kaputt geschrieben haben – allen voran das Organ der Republik, die „Wiener Zeitung“?

Das alles wird sich der Bundespräsident zu fragen haben, wenn er seinen Regierungsbildungsauftrag erteilt. Unbestritten ist dabei, dass er völlig frei ist bei der Auswahl seines Kandidaten für den Regierungschef. Er braucht weder eine Begründung für die Berufung noch eine solche für die Abberufung.

Heinz Fischers noch immer vorhandene Präferenz für Rot-Schwarz ist nicht zu übersehen. Und mittlerweile gibt es auch erfolgreiche Landeshauptleute der ÖVP, die gleichfalls eine große Zusammenarbeit einmahnen. Das alles wird allerdings sehr lang dauern. Und wer wird mittlerweile regieren und Gage beziehen? Erraten, Alfred Gusenbauer und die ganze derzeitige Regierungsmannschaft bis hinunter zu den Staatssekretären.

Was wiederum ganz im Sinne von Kaiser Robert Heinrich I. liegen dürfte. Denn das Kabarett lebt von der Lachhaftigkeit des öffentlichen Geschehens. Bisher ist der Höhenflug Sr. Majestät ja schon so weit gediehen, dass das Donnerstagkabarett bald die politischen Standardsendungen des ORF überflügeln dürfte. Und so darf – wie die Dinge liegen – schon jetzt auf den allerdurchlauchtigsten Auftrag an den Obersthofmeister gewartet werden: „Gehn S’, Seyffenstein, lassen S’ den Gusi kommen; er soll uns sagen, was er so macht – und die Frau Rogers soll uns den Stand der Sterne erklären, was die Regierungsbildung betrifft …“

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