Red Bull Stratos: Ein gewaltiger Sprung vom Marketing zur Wissenschaft

Im Getöse um das jüngste Red Bull-Werbeprojekt Stratos geht leicht die Objektivität verloren.

„Es geht darum, Pionierarbeit zu leisten.“ Oder: „Wir werden der Nachwelt mit Sicherheit etwas Wertvolles hinterlassen.“ Diese Sätze stammen aus der Feder der Werbemaschinisten von Red Bull und gelten dem so genannten Stratos-Objekt. Der Österreicher Felix Baumgartner soll morgen, Dienstag, aus 36 Kilometern Höhe springen und bei seinem Sturz zur Erde die Schallmauer durchbrechen.

Wer von dem Projekt bisher nichts gehört hat, hat die letzten Monate als Einsiedler in der Antarktis verbracht, denn das mediale Theater ist gewaltig. In Radio, Fernsehen, Zeitungen, Internet-Medien wird im Minutentakt und bis ins kleinste Detail über den Sprung berichtet. In einem Forumseintrag einer Internet-Zeitung hat ein Leser zu Recht gefragt, weshalb über den Stratos-Artikel nicht „bezahlte Anzeige“ drübersteht.

Nichts gegen das Projekt – schon gar nicht von Menschen, die bereits vor dem Drei-Meter-Brett im Schwimmbad eine gewisse Scheu empfinden. Sinn oder Unsinn von Extremsport stehen nicht zur Diskussion. Aber sollten wir nicht ein wenig den Hintergrund einer solchen Aktion betrachten?

Keine leichte Aufgabe: In Österreich ist ja alles, was den Namen unseres kleinen Landes in die Welt hinausträgt, prinzipiell von einer Welle aus Euphorie, Patriotismus und blindem Eifer getragen. Red Bull wird als österreichischer Konzern betrachtet, Felix Baumgartner ist zweifellos ein Österreicher – das macht uns stolz.

Die Schattenseiten der heilen Welt

Es gibt aber auch eine Kehrseite der heilen Marketingwelt, bei der es angeblich sogar bei den verrücktesten Aktionen stets eine sanfte Landung gibt. Vor drei Jahren ist der Schweizer Basejumper Ueli Gegenschatz an den Folgen eines Fallschirmunfalls gestorben. Gegenschatz hatte sich für eine PR-Aktion von Red Bull von einem 88 Meter hohen Gebäude in Oerlikon gestürzt, dann aber die Kontrolle verloren und gegen eine Gebäudekante geprallt. Von solchen Unfällen (von denen es einige gab) bei all den Veranstaltungen, die zum Mythos Red Bull beitragen, lesen und hören und sehen wir vergleichsweise wenig.

Bei dem Stratos-Projekt wird zwar auch auf die Gefahren hingewiesen, aber stets geht es um etwas Höheres als nur um die Wahnsinnsaktion eines Einzelgängers. Es geht um Raumfahrt, um Wissenschaft, um Technologie, um die Menschheit ganz allgemein. So wird es dargestellt, so wird es wiedergegeben. „Aus dem Markenimage wird ein Mythos“, berauscht sich heute eine Internet-Zeitung an der heißen Luft, die aus der Red-Bull-Atmosphäre auf uns Gläubige niederströmt. Dabei braucht nach der wahren Motivation von Red Bull nicht lange gesucht zu werden – es geht bei aller wissenschaftlicher Hinwendung natürlich vor allem ums Marketing. Tatsächlich ist die Aufmerksamkeit in aller Welt riesig. Es ist Red Bull auch nicht vorzuwerfen, sein Marketing auszureizen – davon lebt der Konzern sehr gut.

Show oder nicht?

Fragen sollten sich allerdings Medien und Konsumenten, ob sie wirklich bei diesem Marketing-Getöse unreflektiert mitmachen sollten. Natürlich ist es ungleich spannender über einen Stratosphärensprung zu berichten, bei dem irgendwelche Erkenntnisse für die Raumfahrt gewonnen werden sollen, als über seriöse Forschungsprojekte. Wir sehen uns im Fernsehen ja auch lieber Hollywood-Filme als wissenschaftliche Beiträge an. Nur sollten wir erkennen, was Show ist und was Wissenschaft.

Robert Prazak

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