"Rebuilding Japan“ - das Jahr nach der Katastrophe

Auch ein Jahr nach der Katastrophe ist der Zusammenhalt der Nation ungebrochen.

Am 11. März jährt sich zum ersten Mal die Katastrophe, die den Nordosten Japans im Jahr 2011 heimgesucht hat. Zuerst die nüchternen, aber nicht minder erschütternden Zahlen: Das Erdbeben hatte eine Stärke von 9,0 - die vielen Nachbeben waren nicht viel schwächer. Der durch das Erdbeben ausgelöste Tsunami hatte eine ungeheure Wucht und Zerstörungskraft, er erreichte in Spitzen Höhen von bis zu 40 Metern, und seine Energie trieb ihn bis zu sechs Kilometer weit ins Landesinnere. Der Tsunami löste wiederum die Katastrophe und die Kernschmelze des Daiichi-Kernkraftwerks in Fukushima aus, welche durch das katastrophale Krisenmanagement des Betreibers Tepco noch verschlimmert wurde.

Die generellen Folgen waren verheerend: 15.824 Tote, 3.824 Vermisste - und damit vermutlich ebenfalls tot, 5.942 zum Teil schwer Verletzte. 71.578 Personen wurden evakuiert, 118.660 Häuser wurden total zerstört und in Summe fast 800.000 Häuser zusätzlich beschädigt. Der geschätzte Schaden für die Fischereiindustrie und die Landwirtschaft sowie durch die übrigen Zerstörungen beträgt ca. 320 Milliarden Dollar. 90 Prozent der Fischereiflotte der Region wurden zerstört, ursprünglich 29.000 Boote.

Nun kurz das Positive in Zahlen: Über 27.000 Opfer konnten rechtzeitig aus der Katastrophenzone evakuiert werden, über 52.000 Häuser befinden sich zurzeit im Wiederaufbau, und über 51.000 Häuser wurden bis jetzt neu aufgebaut und fertiggestellt. Über 340.000 Menschen sind immer noch quasi in Notunterkünften untergebracht. Eines der größten Probleme war und ist die Beseitigung des allgegenwärtigen Schutts, man schätzt, fast 16 Millionen Tonnen.

Japan war nach den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki wieder in seinen Grundfesten erschüttert. Über mögliche Auswirkungen der radioaktiven Strahlung für kommende Generationen und über die notwendige und jahrzehntelang dauernde Sanierung des Reaktors und seines Umfeldes wurde bereits viel geschrieben, die Wahrheit wird alles Geschriebene in den Schatten stellen. Dies ist zu befürchten.

Die starke Nation

Worüber wenig berichtet worden ist, ist die unglaubliche Stärke dieser Nation. Die Wirtschaftsdaten sind nach dem Einbruch im März 2011 wieder deutlich gestiegen, der Yen ist extrem stark, und auch die schwer getroffene Automobilindustrie befindet sich wieder deutlich im Aufwind. Eindrucksvoll wird dies auch durch die Zuwachsraten des japanischen Lkw-Produzenten Fuso dokumentiert, mehrheitlich im Besitz von Daimler. Wenn das Wirtschaftsbarometer steigt, geht die Nachfrage nach Lastkraftwagen ebenfalls in die Höhe. Wirtschaftsexperten rechnen im heurigen Jahr in Japan mit einem Wirtschaftswachstum von ca. zwei Prozent. Gleichzeitig steigen die Importe, hier speziell auch die von Nahrungsmitteln als Folge der Sorge wegen möglicher Radioaktivität. Man muss sich vergegenwärtigen, dass alleine im Großraum Tokio fast 35 Millionen Menschen versorgt werden müssen.

Das Freiwilligenheer

Das japanische Volk ist durch uralte Tradition in einer sehr großen Disziplin und Solidarität verhaftet. In welchem Land wäre es sonst denkbar, dass sich Unmengen von Freiwilligen für die extrem gefährlichen und in vielen Fällen letalen Aufräumungsarbeiten am Reaktor in Fukushima gemeldet haben? Diese teils älteren Menschen sehen dies als ihre Pflicht gegenüber kommenden Generationen an.

Die Geschwindigkeit, in der ganze Städte und Dörfer wiederaufgebaut werden, ist beeindruckend. Der Zusammenhalt der Menschen ist beeindruckend. In Tokio gibt es eine Bewegung von jungen, gut ausgebildeten Menschen, welche in ihrem Verständnis, dem Land etwas zurückzugeben, in den betroffenen Regionen als Entrepreneurs tätig werden. Und die lokale Industrie und Wirtschaft tatkräftig beim Wiederaufbau direkt vor Ort unterstützen und dafür ihre Jobs in der Hauptstadt aufgegeben haben.

CNN Asia Pacific hat eine eigene wöchentliche TV-Sendung zum Thema Wiederaufbau mit dem Titel "Rebuilding Japan“, beginnend mit 5. März 2012, gestartet. Auch ein Jahr nach der Katastrophe ist der Zusammenhalt der Nation ungebrochen. Der persönliche Tribut Einzelner ist ebenfalls bemerkenswert: So hat ein japanischer Textilindustrieller über 12 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen zugunsten der Tsunami-Opfer gespendet.

Auch in Österreich gab es eine große Anzahl an unterstützenden Aktionen und Charity-Veranstaltungen, exemplarisch seien nur zwei herausgegriffen: Die Salzburger Festspiele und die Stadt Salzburg spendeten über 200.000 Euro für den Wiederaufbau in Suzuki, und Rotary Österreich leistete ebenfalls einen namhaften Beitrag, so wie auch viele andere Institutionen und Personen. Auch hier zeigten sich wieder zwei japanische Eigenschaften: die der Bescheidenheit und der Demut. Exzessive Medienbegleitung von Spendenaktionen und die damit verbundene Öffentlichkeitswirkung waren den Japanern eher sehr unangenehm. Vielleicht lernen wir ja davon.

- Leo Peter Exner
Hauck-&-Aufhäuser-Privatbankier, Konsul von Japan in Österreich

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