querformat: Stephan Klasmann
Mit 300 Milliarden ins Kasino

Der Chef der US-Notenbank ist zum Hasardeur geworden.

In großen Kasinos gibt es häufig ein Hinterzimmer mit einem eigenen Tisch. Dort versammeln sich diejenigen, die mit den bescheidenen Einsätzen des gemeinen Volkes nichts am Hut haben, sondern das Glück in größeren Dimensionen herausfordern. Mal 20.000 Euro hier, mal 100.000 Dollar da. Für spielsüchtige Multimillionäre ist das genau das richtige Pflaster. Doch seit neuestem gibt es ­einen Spieler, den man in derartigen Etablissements wohl nie antreffen würde und der in Größenordnungen setzt, bei denen selbst Warren Buffett oder Bill Gates die Luft ausgeht: Ben Bernanke. Der Chef der US-Notenbank ist mittlerweile ein Risiko von rund 300 Milliarden Dollar eingegangen, um die US-Finanzmärkte und damit wohl auch das globale Bankensystem vor dem Kollaps zu bewahren. Bis zu 200 Milliarden Dollar könnte die Quasi-Verstaatlichung der beiden Hypotheken­giganten Fannie Mae und Freddie Mac kosten, 85 Milliarden Dollar werden als Kredit zur Sanierung der American Inter­national Group (AIG), des weltgrößten Versicherers, benötigt, der damit gleichzeitig zu 80 Prozent verstaatlicht wird.

Diese enormen Summen würden einem passionierten ­Spieler vermutlich einen ungeahnten Adrenalinschub mit multiplem Orgasmus verschaffen. Dem sonst so coolen Ökono­men dürften diese Deals hingegen erstmals in seiner Karriere schlaflose Nächte bereiten, und wahrscheinlich kommt die derzeitige Situation dem schlimmsten irgendwie vorstellbaren Alptraum nahe, den sich der bärtige Uni-Professor je ausgemalt hatte. Denn Bernanke spielt nicht freiwillig, sondern wird mit vorgehaltener Winchester dazu gezwungen. „To big to fail“ lautet der Fluch, dem sich der Fed-Chef beugen muss. Eine Pleite von Fannie und Freddie hätte in einer Kettenreaktion zahllose kleinere Institute vernichtet, und AIG ist nicht nur die größte Assekuranz, sondern mit 1,3 Billionen Dollar der größte­ einzelne Investor an den internationalen Kapitalmärken. Die US-Währungshüter hatten also keine andere Wahl, als sich an den Finanz­giganten zu beteiligen. Doch damit ist die Sache noch nicht ausgestanden. Längst fragt man sich an den Börsen, wer der Nächste sein wird, der an Bernankes Tür klopft. Aber auch die Mittel einer Notenbank sind begrenzt. Die Fed kann nicht das gesamte US-Finanzsystem über­nehmen.

Und so ist der Einsatz, um den es für Bernanke geht, in Wahrheit noch viel höher als die bisherigen 300 Milliarden Dollar, für die in letzter Konsequenz der US-Steuerzahler aufkommen müsste. Es geht um den Erhalt der internationalen Geldwirtschaft, wie wir sie kennen. Die Globalisierung und die Vernetzung der Märkte sorgen zwar insgesamt für mehr Stabilität, weil das Gesamtsystem auf mehr Beinen steht und daher widerstandsfähiger ist, umso dramatischer wären jedoch die Folgen, wenn es schließlich doch kippt. Das würde den Beginn einer Weltwirtschaftskrise bedeuten, deren tatsächliche Auswirkungen mangels Präzedenzfall nicht absehbar wären. Bernankes unfreiwilliger Kasinobesuch kann allerdings auch ein gutes Ende nehmen. Gelingt es der US-Notenbank, mit ­ihren Maßnahmen die Krise zu beenden, so dürfte ihr das ­einen unglaublichen Spekulationsgewinn bringen. Immerhin war AIG vor kurzem noch 300 Milliarden Dollar wert. Bei einer Reprivatisierung der Versicherung könnte die Fed folglich kräftig verdienen. Gleiches gilt für Fannie und Freddie. Wir dürfen also gespannt sein, ob der Chef der US-Notenbank als erfolgreichster Spieler in die Wirtschaftsgeschichte eingeht oder als derjenige, der alles gesetzt und alles verloren hat. An der eigentlichen Tragödie ändert freilich weder das eine noch das andere etwas: nämlich daran, dass der mächtigste Hüter des globalen Finanz­systems zum Hasardeur werden musste.

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