querformat: Stephan Klasmann
Bullen? Bären? Schafe!

Das Börsenparkett ist wahrlich nicht der Boden der Realität.

Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesisches Sprichwort. Und siehe: Das Licht der Gnade ist auf uns gefallen, denn ­tatsächlich können selbst abgebrühte Cha­raktere kaum behaupten, den vergangenen Wochen hätte es in der Welt der Wirtschaft an Spannung gemangelt. Bankenpleiten, Privatisierungen, Hunderte Milliarden schwere Hilfspakte sorgten für tägliche Abwechslung in den Schlagzeilen und für tiefgehende Erkenntnisse, was die Natur der Finanzmärkte betrifft.
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man durchaus vermuten, die Börsen seien eine an der Rationalität orientierte Veranstaltung. Dieser Eindruck wird allein schon dadurch erweckt, dass sich alles um Zahlen dreht. Die Kurskolonnen, Charts und Kennziffern sorgen für den Anschein exakter Wissenschaft. In zig Seiten starken Aktienanalysen wird anhand von komplizierten Bewertungsmodellen auf die Kommastelle genau vorgerechnet, wie viel welches Papier kosten darf. Zahllos sind die Experten in Anzug und Krawatte – seltener im Businesskostüm –, die uns auf Sendern wie CNN, Bloomberg oder n-tv den Eindruck vermitteln, das Börsenparkett sei der Boden der Realität. Mit klugen Worten und überzeugenden Argumenten erklären sie jeden noch so kleinen Ausschlag des Dollar, die Preisexplosion bei Rohöl oder den Verfall der Kaffeenotierungen. Alles klar, alles logisch.

Von wegen. Noch nie wurde dieser Anschein von Vernunft so vollständig demaskiert wie in den vergangenen Wochen. An einzelnen Tagen sank oder stieg der Börsenwert der US-Aktien um über eine Billion Dollar. Die Superlativierung der Finanzmärkte nahm ihren Lauf. Auf den Tag des größten Kursverfalls seit zehn Jahren folgte der Tag des größten Kursanstiegs seit zwanzig Jahren und darauf wieder der größte Kursverlust seit eh und je und der größte Kursgewinn seit überhaupt, größter historischer Kursverfall des Öls, größter Kursgewinn aller Zeiten bei Gold – fast täglich feiern oder betrauern wir neue Rekorde. Am 7. Oktober eröffnete die VW-Aktie in Frankfurt mit einem Kurs von 290 Euro. Wenige Stunden später schoss die Aktie um 55 Prozent auf 450 Euro in die Höhe, nur um vier Stunden später bei 287 Euro mit einem Minus zu schließen. Allein die Kursschwankung innerhalb dieses Tages entspricht dem Börsenwert des Daimler-Konzerns. Kommastellen? Aktienanalysen? Faire Bewertungen? Nicht Mathematiker oder Ökonomen braucht es, um an der Wall Street den Durchblick zu behalten, sondern Psychiater und Therapeuten. Nicht Bilanzen, sondern manische und depressive Schübe bewegen die Kurse.

Angesichts der absurden Panikattacken forderte EZB-Chef Jean-Claude Trichet vergangene Woche zu Recht, die Akteure an den Finanzmärkten mögen doch endlich zur Vernunft kommen. Fast schon rührend erboste sich der ältere Herr über die irrationalen Kursausschläge. Zu Recht, aber vergeblich: Denn an der Börse finden sich Angst, Gier, Panik und Euphorie – aber Vernunft hat auf diesem Parkett keinen Platz. Nicht ­Bullen und Bär sind daher die passenden Tiere, um das Wesen des Börsianers zu symbolisieren, sondern das Schaf. Denn wohin immer der Leithammel rennt, getreulich und ohne nachzudenken galoppiert der Rest der Herde hinterher. Nach oben, nach unten – manchmal auch ins Verderben. In ein paar Monaten – vielleicht auch Jahren –, wenn die Finanzmarktkrise vorbei ist, werden uns gelehrte Experten mit wichtiger Miene ganz genau erklären, warum es so kommen musste. Alles klar, alles logisch. Im Nachhinein.

klasmann.stephan@format.at

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