querformat: Stephan Klasmann
Auf ein Neues! Leben nach dem Seitensprung

Die Herren im Nadelstreif haben alles richtig gemacht.

Gelegentlich werden im Fernsehen Wettkämpfe von Sportschützen übertragen. Zugegebenermaßen nicht das Spannendste aller möglichen TV-Programme, aber eine gute Gelegenheit, scheinbar Banales zu hinterfragen: Es ist selbst für Laien wie mich ganz offensichtlich, dass sich die Teilnehmer bemühen, möglichst genau die Mitte der Scheibe zu treffen. Warum bloß? Weil es dafür die meisten Punkte gibt. Was würde passieren, wenn der Schütze für einen Treffer ins Zentrum einen Punkt und für einen in den Kreis ganz außen zehn Punkte bekäme?
Die Athleten würden nach außen zielen und einen Treffer ins Zentrum vermeiden. Ehe Sie nun, wunderbare Leserin, verehrungswürdiger Leser, gelangweilt ob solcher Gemeinplätze dieses Druckwerk Richtung Papierkorb werfen (und selbigen möglichst zentral zu treffen versuchen), darf ich Sie daran erinnern, dass drei US-Ökonomen für derartige Überlegungen den Wirtschaftsnobelpreis 2007 bekommen haben. Das Ganze nennt sich Vertragstheorie, ist ein Untergebiet der Spieltheorie und geht davon aus, dass die Spielregeln eines Systems das Verhalten der Teilnehmer determinieren. Mit den richtigen Regeln – etwa Steuern, Subventionen, Gewerberecht – lassen sich gewisse soziale Zustände herstellen. Ein Beispiel: Verzichte ich gänzlich auf Studiengebühren, ergibt das viele teure Karteileichen und eine lange durchschnittliche Studiendauer, mit einem sehr hohen Studienbeitrag bekommt eine Volkswirtschaft wiederum zu wenig hochqualifizierten Nachwuchs.

Die Spielregeln bestimmen den Ausgang des Spiels. Die Kunst guter Politik ist es, Anreize und Strafen so festzulegen, dass sie letztlich zum sozial oder wirtschaftlich erwünschten Ziel führen. Und damit sind wir auch schon bei der aktuellen Finanzkrise: Derzeit werden Banker aller Herren Länder – vor allem aber jene aus den USA – als verantwortungslose Vollidioten hingestellt, die ihren Job nicht verstehen.
Das ist falsch. Die allermeisten der hochbezahlten Manager haben sich innerhalb ihres Regelwerkes völlig rational verhalten. Ihre Entlohnung sieht – insbesondere im angelsächsischen Raum, zunehmend aber auch in Kontinentaleuropa – so aus, dass Vorstände ein überschaubares Fixsalär erhalten mit der Chance, bei entsprechendem Erfolg ein Vielfaches davon als variables Gehalt zu bekommen. Die Spitzengagen erreichten so teilweise über hundert Millionen Dollar pro Jahr. Das setzt freilich Erfolg voraus, großen Erfolg. Und der ist meist nur mit hohem Risiko für das Unternehmen zu realisieren.

Wo aber ist das Risiko des Managers? Die Spielregeln sind dergestalt, dass er im Belohnungssystem nie unter das Fixgehalt fallen kann. Auch bei hohen Verlusten für das Unternehmen hat er selbst nichts zu verlieren. Diese Regeln haben das Verhalten der Banker logisch determiniert. Sie sind ein extremes Risiko gefahren, haben damit eine Zeit lang gewonnen und enorme Summen verdient. Jetzt ist das Kartenhaus eingestürzt. Von Not leidenden Bankvorständen war bisher nichts zu lesen, eher von beachtlichen Abfertigungen. Zynisch ausgedrückt: Die Herren im Nadelstreif haben aus Sicht ihrer individuellen Nutzenmaximierung alles richtig gemacht.
Mit mehr oder weniger erfolgreichen Rettungsaktionen versuchen derzeit Regierungen in aller Welt, dem drohenden Bankencrash Einhalt zu gebieten. Und bei aller Uneinigkeit im Detail besteht in einem Punkt Einigkeit: Das Finanzsystem braucht neue Spielregeln. Man kann nur hoffen, dass sie intelligenter ausfallen als die bestehenden, die zum Casinobesuch der besonderen Art verführen: Die Gewinne bleiben beim Spieler, die Verluste trägt die Bank.

klasmann.stephan@format.at

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