querformat: Stephan Klasmann
Auf ein Neues! Leben nach dem Seitensprung

Ich vertraue Ihrer Schlampe. Nehmen Sie sich ein Beispiel.

Stellen Sie sich vor, Sie entdecken, dass Ihr Lebensgefährte fremd geht. Den Verdacht hatten Sie ja schon länger, aber er (oder sie) hat derartige Vorwürfe stets entrüstet zurückgewiesen. Nun aber haben Sie ihn (oder sie) in flagranti ertappt und überlegen die Trennung. Daraufhin erklärt Ihr präsumtiver Expartner, Sie mögen doch die Vergangenheit ruhen lassen. In Zukunft werde so etwas selbstverständlich nicht mehr vorkommen, Sie sollten ihm doch einfach vertrauen. Würden Sie das tun? Na eben. Die wenigsten wären dazu in der Lage. Schließlich gibt es ja auch kaum Grund dafür, dem Rabenbraten irgendetwas zu glauben, und zudem lässt sich Vertrauen – selbst wenn man es wollte – nicht auf Befehl verordnen.

Was viele von uns – selbstverständlich nur vom Hörensagen – aus dem Privatleben – selbstverständlich nur anderer – kennen, ist der Kern dessen, was in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen unter dem Schlagwort „Finanzmarktkrise“ firmiert. Anfangs schlitterten ein paar unbedeutende Banken in die Insolvenz, worauf die großen Häuser unisono erklärten, sie hätten keine Probleme: ein paar Abschreibungen – ja, zugegeben –, aber nichts Ernstes. Und dann wurden die Pleitebanken immer prominenter, etwa Bear Stearns, und schließlich auch immer größer, etwa Lehman Brothers oder Washington Mutual, bis es mit AIG sogar die weltweite Nummer eins der Versicherer erwischte. Offenbar haben alle vorher gelogen. Nun basiert unser Finanzsystem aber unter anderem darauf, dass sich Banken gegenseitig Geld borgen, gemeinsam Konsortialfinanzierungen durchführen und sich am Geldmarkt vice versa kurzfristige Liquidität garantieren. Das setzt Vertrauen voraus, und damit ist nun Schluss. Denn jede einzelne Bank kennt nur die eigenen Bücher (und offenbar auch das nicht immer) und argwöhnt daher (wie die Vergangenheit beweist: häufig zu Recht), dass die werten Konkurrenten viel schlechter dastehen könnten, als es nach außen hin den Anschein hat. Der eine Seitenspringer misstraut daher dem anderen – schließlich denkt der Schelm ja bekanntlich, wie er ist –, und daher borgt man sich derzeit gegenseitig lieber gar nichts. Das jedoch bringt den Geldkreislauf zum Erliegen, der unser Wirtschaftssystem am Leben hält, und zwingt die Notenbanken dazu, mit entsprechender Liquidität einzuspringen. EZB & Co kommen so in die Rolle eines überaktiven Eheberaters, der Überzeugungsarbeit nach dem Motto leistet: Lieber gehörnter Ehegatte, ich vertraue Ihrer Schlampe ja auch, also nehmen Sie sich ein Beispiel.

Das finden viele wenig überzeugend. Die Folge: Die aktuelle Finanzmarktkrise wird sich noch Monate hinziehen. Ganz einfach darum, weil sich verlorenes Vertrauen nur langsam wieder aufbaut. Und auch das Risiko, dass das Bankendesaster in eine globale Wirtschaftskrise mündet, ist keineswegs von einem Tag auf den anderen gebannt. Denn praktisch alles in unserem ökonomischen System ist auf dem Vertrauen der Allgemeinheit aufgebaut, dass bestimmte Konventionen dauerhaft gelten: Ich lege mein Vermögen auf ein Sparbuch und erhalte den Betrag, wenn ich ihn benötige, mit Zinsen wieder zurück; ich akzeptiere als Händler eine Zahlung mit Kreditkarte, weil ich davon ausgehen kann, später das Geld auch tatsächlich überwiesen zu bekommen, und so fort. Sogar unser Zahlungsmittel selbst basiert in Wahrheit bloß auf Vertrauen. Gnade uns Gott, sollten allzu viele gleichzeitig bemerken, dass ein Hundert-Euro-Schein nur bedrucke Baumwolle mit begrenztem Heizwert ist. Dann entspricht sein Wert dem eines Trauscheins.

klasmann.stephan@format.at

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