Publizist und Ex-Bundesratsvorsitzender
Herwig Hösele: Debattieren über Migration

Es gibt kaum ein Thema, bei dem die Wahrnehmungen so selektiv und die Äußerungen so emotional sind wie bei der Migration. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass sich manche Probleme in einigen (Stadt-)Bezirken massiv konzentrieren – wie ein teilweise 90-prozentiger Migrantenanteil in Pflichtschulen –, während in anderen Regionen nur wenige, meist gut integrierte Migranten leben und in Privatschulen in der Regel alle Schüler gut Deutsch können. Wenn aber eine Tschetschenen- oder Rumänenbande in eine Villa einbricht, werden auch hier unsympathische Vorurteile bedient.

Die öffentliche Auseinandersetzung schwankt zwischen wenig faktenorientiertem Gutmenschentum („Mei, die Armen“) und pauschaler dumpfer Ausländerfeindlichkeit („Pfui, die Bösen“). Das Gebot der Political Correctness lässt wenig Platz für die erforderliche differenzierte Betrachtungsweise, die an einigen Grundtatsachen nicht vorübergehen kann.

Das heutige Österreich war zu allen Zeiten – wie ein Blick in die Telefonbücher zeigt – ein Einwanderungsland. Auch die FPÖ brachte und bringt führende Funktionäre mit Familiennamen wie Pawkowicz oder Eustacchio hervor.

Von den gegenwärtig rund 8,3 Mio in Österreich lebenden Menschen sind über 850.000 – also mehr als 10 Prozent – ohne österreichischen Pass und 1,427 Millionen oder 17,3 Prozent mit „migrantischem Hintergrund“ (etwa Eingebürgerte und in Österreich geborene Kinder). Auch die Österreicherin Mirna Jukic, deren Leistungen viele Landsleute mit Nationalstolz erfüllen, gehört zu dieser Gruppe.

Vor allem durch die Migration nimmt die Wohnbevölkerung zurzeit jährlich um 30.000 zu. Österreich hat damit einen der höchsten Migrantenanteile der EU. Wenn es diese Migrationsbewegung nicht gäbe, käme es zwangsläufig zu einer Bevölkerungsschrumpfung und einem noch drastischeren Überalterungsprozess, als er ohnehin schon jetzt spürbar wird.

Waren 1984 die 0- bis 14-Jährigen gegenüber den über 65-Jährigen mit 1,425 Mio. zu 1.073 Mio die deutlich stärkere Bevölkerungsgruppe, hat sich das 2009 umgekehrt – 1,450 Mio. Ältere gegenüber 1,261 Mio. Kindern, und es geht rasant weiter so. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in 25 Jahren um sieben Jahre gestiegen.

Und wie sieht es mit den Geburten aus? Die Geburtenrate beträgt gesamtösterreichisch 1,4, die der österreichischen Mütter 1,3, die der Migrantinnen 1,9 und die der Türkischstämmigen sogar 2,6.

Das Fehlen der Migranten und ihrer Kinder hätte gravierende Auswirkungen auf unser Rentensystem und unsere Infrastruktur. Abgesehen von der fundamentalen Frage, welche sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Konsequenzen es hätte, wenn sich der Altersaufbau der Gesellschaft deutlich nach oben verschiebt: Wie steht es dann um Innovationskraft, Risikofreude, Dynamik?

Gesellschaft und Politik haben bis dato keine adäquaten Antworten gefunden. Integration wurde oft mit Assimilationsdruck verwechselt. Statt eines fruchtbringenden Miteinanders gibt es meist ein beziehungsloses Nebeneinander, das zu Ghettobildungen und Parallelgesellschaften führt.

Zu gelungener Integration gehören natürlich gute Deutschkenntnisse, offener Zugang zur Bildung und die Achtung der grundlegenden Menschenrechte. Bereits im Kindergarten beginnende Bildungsverweigerung – Migrantenkinder landen überdurchschnittlich oft in Sonderschulen – und Milieus, in denen Zwangsehen von Kindern und das Wegsperren von Frauen vom öffentlichen Leben, zweifelhafte Hassprediger bis hin zu „Ehrenmorden“ gedeihen, sorgen für sozialen Sprengstoff. (Die Ikone der Frauenemanzipation Alice Schwarzer hat dazu schon oft vehement Stellung bezogen.) All dies beraubt unsere Gesellschaft um wenige, aber wahrscheinlich für den erbarmungslosen globalen Wettbewerb dringend zu nützende Zukunftschancen, die geförderte Talente, gut ausgebildete Menschen und kulturelle Vielfalt bieten.

Erfolgreiche Integration wird nicht friktionslos zu erreichen sein. Es ist bemerkenswert, dass sich dieser Tage der bedeutende österreichische Gegenwartsliterat Gerhard Roth, der wahrlich nicht „rechten Gedankenguts“ geziehen werden kann, folgendermaßen äußerte: „Heute haben wir eine riesige Menge Zuwanderer, die nicht oder schlecht integriert ist. Ich glaube nicht, dass ich ein ängstlicher Mensch bin, aber ich habe doch Angst, wie sich das entwickeln könnte, wenn man nicht rechtzeitig erkennt, dass anders nachgedacht werden muss über Migration.“


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