Psychologe Michael Schmitz über das Comeback des Karl-Theodor zu Guttenberg

Er ist ein Illusionskünstler. Getrieben von der Gier nach Macht. Doch es gelingt ihm, sich so darzustellen, als ginge es ihm allein um das Wohl „der Menschen“. Er will in der Politik (wieder) hoch hinaus und präsentiert sich als Anti-Politiker.

Er greift die politische Klasse frontal an, um den Unterschied zu ihr zu inszenieren, sein Profil zu schärfen. So kann er die Gefolgschaft der wachsenden Zahl von unzufriedenen Bürgern gewinnen. „KTG“ – Karl-Theodor zu Guttenberg tritt an zum großen Comeback.

Er führt ein Lehrstück auf über die Mechanik der Macht. Wir sehen: Hybris kann den Aufstieg fördern. Charakterschwäche muss das nicht verhindern. Attacken auf Gegner vermitteln den Eindruck von Stärke. Stil ist wichtiger als Inhalt.

Als Plagiator bei seiner Doktorarbeit überführt, musste KTG zurücktreten. Seine Bayreuther Universität urteilte, dass sich Art und Ausmaß der Plagiate nur durch absichtliche Täuschung erklären ließen: KTG ein schamloser Betrüger.

Mit einem solchen Etikett ist kein Staat zu machen. Nun kontert er die Vorwürfe geschickt. Er gibt zu, Fehler gemacht zu haben. Aber die zugegebenen Fehler gehen an den Vorwürfen vorbei. KTG redet sich raus. Er sei in der Hektik seines arbeitsreichen Alltags nicht aufmerksam genug gewesen. Das kommt beim Publikum an. Von Absicht und Schuld spricht KTG sich frei, täuscht Demut vor, zeigt aber keine Reue.

Denn Reue würde grobe Schwäche offenbaren. Wer an die Macht will, muss Stärke zeigen. Er muss, um als Alternative zu gelten, anders als die Konkurrenten erscheinen. Das gelingt ihm fulminant, indem er die politische Klasse per se angeht: „Kein Politiker in Europa zeigt genügend Gefühl und Verständnis für die Menschen.“ Es gebe nicht nur eine Schuldenkrise, sondern „eine Krise der politischen Führung“. Auch die eigene Partei, die CSU, bekommt ihr Fett ab, sie leide an einer „Infektion“ und sei keine Volkspartei mehr.

Seine Anklage ist aggressiv. Mit Absicht. Damit demonstriert er: „Ich bin überlegen.“ Er kennt die Meinungsumfragen. Immer mehr Menschen verlieren das Vertrauen in die etablierte Politik, weil sie für die anstehenden großen Probleme keine glaubwürdigen Lösungen anbietet. Mit seinen Attacken punktet der Freiherr bei den Verunsicherten, Enttäuschten und Verärgerten. Er spricht aus, was sie empfinden. Das verschafft ihm Zulauf.

Guttenberg tut so, als sei er kein Politiker und eben deshalb der beste. Das war schon vor dem Plagiatsskandal seine Masche. Anderen warf er vor, sie klebten an ihren Ämtern. Er dagegen könne jederzeit von allen Posten lassen. Als Minister kokettierte er mit Rücktritt, wenn ihm an der Politik der Regierung etwas nicht passte. Doch wirklich ernst meinte er es nie. Es ging ihm nie um Haltung, sondern um Macht-Erhaltung und die für ihn beste Pose.

Geriet er in Schwierigkeiten, wälzte er die Schuld auf andere. So nach einem Luftangriff auf Zivilisten in Afghanistan, angeordnet von einem deutschen Kommandeur. KTG wies jede Verantwortung von sich, entließ den Generalinspekteur der Bundeswehr und seinen Staatssekretär. Seine Meinungen änderte er, wenn die „Bild“-Zeitung dazu riet. Das Blatt, analysiert Michael Speng, ehemals Chef der „Bild am Sonntag“, half Guttenberg so, sich „als Entscheider“ darzustellen – wie es sich für einen Machtmenschen gehört. Für die eigentliche Arbeit als Minister, bemerkt der „Spiegel“ süffisant, „zeigt er indes nur wenig Interesse“.

Das fesche Freiherren-Ehepaar bedient ausgiebig Bedürfnisse nach Glanz und Glamour. KTG ließ sich für „Bild“ in „Top Gun“-Pose ablichten, seine Frau fungierte als Botschafterin einer „Bild“-Aktion für Kinder. Hand in Hand lieferten sie der Society-Presse bildreiche Storys, im heimischen Schloss ebenso wie beim gemeinsamen Truppenbesuch in Afghanistan. Stets im passenden Outfit, besser: im passenden Kostüm.

Politik veranstaltet KTG als Showgeschäft

Wo schöner Schein eher Erfolg verspricht als schlichtes Sein, dürfen viele den bayrischen Feschisten als Vorbild bewundern. Allen Möchtegerns bietet er sich an zur Identifikation. Auch für sie macht er den Guttenberg.

Vor der Plagiatsaffäre avancierte er zum beliebtesten Politiker Deutschlands. Viele sahen in ihm den zukünftigen Bundeskanzler. Nun artikulieren manche bürgerliche Journalisten Vorbehalte gegen ihn. Doch das kann KTG egal sein. Der Boulevard feiert ihn. Und Angriffe stärken den Zusammenhalt der Wutbürger, die sich hinter ihm als Lichtgestalt sammeln.

Schon erwägt der Freiherr, mit einer neuen Partei aufzutreten. Um die Verhältnisse aufzumischen und mit Wucht zurück an die Macht zu gelangen. Die CSU-Basis jubelt ihm schon zu. Und auch „Bild“.

- Michael Schmitz
Management Coach, Partner von Prevent K, Professor für Psychologie & Management an der Lauder Business School

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